Philip Hammonds Rede vor dem Unterhaus war mit Spannung erwartet worden. Schließlich sollte der britische Schatzkanzler nicht nur zum ersten Mal die Wirtschaftspläne der neuen Regierung unter Premierministerin Theresa May darlegen. Es war auch die erste solche Erklärung seit dem EU-Referendum im Juni.

Dabei legte Hammond offen, was der geplante Brexit Großbritannien vermutlich kosten wird: 122 Milliarden Pfund. So viel plant die Regierung in den kommenden fünf Jahren zusätzlich an Schulden zu machen, um die Löcher im Haushalt zu schließen, die sich aus sinkenden Steuereinnahmen ergeben werden.

Der britischen Wirtschaft gehe es seit dem Brexit-Votum im Juni derzeit gut, erklärte Hammond weiter und lobte deren "Stärke und Widerstandsfähigkeit". Das Wirtschaftswachstum werde sich in den kommenden Jahren dennoch stark verlangsamen. Hammond verabschiedete sich wie erwartet von den strikten Sparzielen seines Vorgängers George Osborne, der vor allem mit Einschnitten bei den Sozialausgaben (die von Steuergeschenken an die Wirtschaft begleitet waren) bis zum Jahr 2020 für einen ausgeglichenen Haushalt sorgen wollte. Das Staatsdefizit solle dennoch in den kommenden Jahren zurückgehen, sagte Hammond.

Für die Brexit-Unterstützer nur Schwarzmalerei

Großbritanniens Wirtschaft ist seit dem Referendum stärker gewachsen als erwartet worden war. Laut dem nationalen Statistikamt betrug das Wachstum zwischen Juli und September 0,5 Prozent. Ein Umstand, den die konservativen und rechtslastigen Zeitungen des Landes umgehend als Beleg dafür feierten, dass die Warnungen vor einem wirtschaftlichen Abschwung nur Angstmache gewesen seien. Tatsächlich ist aber vor allem der Dienstleistungssektor gewachsen – auch wegen des landesuntypisch guten Sommers in diesem Jahr. Sowohl bei der Landwirtschaft und Industrie als auch beim Baugewerbe ist das Wachstum dagegen eingebrochen.

Daher gab sich Hammond vorsichtig. Die britische Wirtschaft werde in diesem Jahr zwar um 2,1 Prozent wachsen – genauso stark wie in Deutschland und stärker als die Wirtschaft Italiens und Frankreichs, betonte der Schatzkanzler. Im kommenden Jahr sei aber nur mit einem Wachstum von 1,4 Prozent zu rechnen. Das brachte ihm Buhrufe aus den hinteren Reihen der Regierungsseite ein. Die Brexit-Unterstützer bei den Tories werfen Hammond schon seit Monaten Schwarzmalerei vor. Der ließ sich nicht beirren: Dieser Rückgang werde auch zu sinkenden Steuereinnahmen führen und die Regierung dazu zwingen, mehr Schulden zu machen.

Hammond kündigte einen Innovationsfonds an und Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur und in den Wohnungsbau. Die Niedrigverdiener des Landes sollen durch einen Anstieg des nationalen Mindestlohns entlastet werden – doch der wird im kommenden April lediglich von derzeit 7,20 Pfund auf 7,50 Pfund steigen. Angesichts der gerade im Südosten des Landes horrenden Lebenshaltungskosten keine wirkliche Verbesserung.

London plant jedoch allen düsteren Prognosen zum Trotz weitere Steuergeschenke an die Unternehmen des Landes. Bereits am Montag hat Premierministerin Theresa May in einer Rede vor Wirtschaftsvertretern eine weitere Senkung der Unternehmenssteuer in Aussicht gestellt. Diese liegt derzeit bei 20 Prozent und soll schon jetzt bis 2020 auf 17 Prozent sinken. "Mein Ziel ist es nicht nur, dass Großbritannien die niedrigste Unternehmensteuer innerhalb der G20-Staaten hat, sondern auch eine, die zutiefst für Innovation steht", sagte May. Vor wenigen Wochen waren Pläne aus Regierungskreisen an die Öffentlichkeit geleakt worden, in denen es hieß, dass die Unternehmensteuer halbiert werden könnte, falls Großbritannien bei den Austrittsverhandlungen mit der EU unter Druck geraten sollte.