ZEIT ONLINE: Wer hat es gerade schwerer: Hillary Clinton, weil sie gegen Donald Trump verloren hat oder Präsident Barack Obama, weil er die Machtübergabe im Weißen Haus regeln muss?

David Maraniss: Hillary ist in einer schwierigeren persönlichen Lage, weil sie verloren hat und sich nun fragen muss, was sie mit ihrem Leben anfangen wird. Politisch ist jedoch Barack Obama in einer sehr viel schwierigeren Position. Donald Trump repräsentiert alles, was Obama ablehnt und dennoch muss er als Präsident dafür sorgen, dass der Übergang so reibungslos wie möglich verläuft und er die Animositäten, die es gerade gibt, nicht noch verstärkt. Er muss nicht nur versuchen, die Nerven der Menschen im Land zu beruhigen, sondern auch die der politischen Verbündeten weltweit.

US-Präsident - Wer hat Trumps Nummer? Die Telefonnummer des Übergangsteams ist vielen Länderregierungen unbekannt. Sie griffen teilweise auf Privatpersonen zurück, um den designierten US-Präsidenten kontaktieren zu können. © Foto: Screenshot/Reuters

ZEIT ONLINE: Hat Obama eine Chance, Trump in seiner Linie noch zu beeinflussen? Es sind nur noch wenige Wochen bis zur Amtsübergabe.

Maraniss: Aus meiner Sicht ist Trump ein Bully, ein Rüpel. Wenn Obama mit ihm zusammentrifft, so wie in der vergangenen Woche, dann hat er Einfluss auf ihn, denn Bullies neigen dazu, ein wenig zurückzuweichen wenn sie in der Domäne eines anderen sind. Aber ob Obama einen langfristigen, bleibenden Einfluss hat, halte ich für zweifelhaft. Ich glaube, Obama hofft darauf. Es ist seine einzige Chance, es zu versuchen und daran zu glauben, dass das Amt die unverantwortliche und rücksichtslose Rhetorik Trumps etwas zügeln wird.

ZEIT ONLINE: Trump hat Stephen Bannon zu seinem Chefstrategen im Weißen Haus ernannt. Hat Obama oder irgend jemand damit überhaupt eine Chance, die hasserfüllte Rhetorik Trumps zu unterbinden? Bannon und seine rechte Webseite Breitbart sind nicht gerade für zurückhaltende Sprache bekannt.

Maraniss: Breitbart ist eine absolut unverantwortliche Pseudo-Nachrichtenseite, es ist ein Propagandaapparat. In gewisser Weise beleuchtet die Ernennung von Bannon die Widersprüche in der Republikanischen Partei. Die sogenannten verantwortlichen Republikaner – und Trumps neuer Stabschef Reince Priebus gehört wohl in diese Kategorie – haben seit mehr als einer Dekade die Ultrarechten und die Bannons dieser Welt dafür benutzt, die Demokraten fertigzumachen. Die Tatsache, dass sie jetzt mit Donald Trump Einzug ins Weiße Haus halten, ist Spiegel dessen, was die Partei heute ist. Es schockiert mich nicht, aber es ist enttäuschend und entmutigend für alle, die an eine offene Gesellschaft und freie Presse glauben.

ZEIT ONLINE: Werden die Republikaner versuchen, sich neu zu erfinden oder sind die Konservativen in der Partei trotz alle Kritik doch ganz zufrieden mit der Mehrheit im Kongress und einem republikanischen Präsidenten, auch wenn der Donald Trump heißt?

Maraniss: Sie haben weder während der Vorwahlen noch während des Präsidentschaftswahlkampfs den Mut gefunden, Trump herauszufordern, und ich glaube nicht, dass sie es jetzt tun werden. Es entlarvt vielmehr, dass die Partei nur an Macht interessiert ist. Es wird einige große Bewährungsproben geben, die zeigen, wofür die Partei wirklich steht. Nicht nur wenn es um die Großzügigkeit des Geistes geht – wofür Steve Bannon nun gar nicht steht –, sondern auch in der Außenpolitik.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Maraniss: Die Republikaner sind traditionell eher Falken in der Außenpolitik, aber was machen sie jetzt in Bezug auf Russland? Werden sie Trumps Linie folgen und sich Putin annähern? Es gibt viele ernsthafte Fragen, die die Republikaner vor Herausforderungen stellen werden. Aber bisher sehe ich keinerlei Anzeichen dafür, dass sie ihrerseits Trump entgegentreten werden.