Noch immer hält sich hartnäckig das Narrativ, es werde nach der Wahl Donald Trumps schon nicht so schlimm kommen. Auch nicht besonders gut, vielleicht. Aber es wird ja wohl nicht gleich das Ende der Welt (wahlweise: der Demokratie) bedeuten, dass dieser Typ US-Präsident sein darf. Dergleichen ist schließlich oft behauptet worden, doch die Apokalypse blieb jeweils aus. Keine Überraschung ist deshalb: Sehr düstere Prognosen für die Zukunft unter Trump finden weitgehend Zustimmung bei denen, die bereits lange zu denselben Befürchtungen gekommen sind. Die anderen haben es lieber gemütlich, glauben also gern an die Mäßigung des wilden Mannes. Sie machen einen schweren Fehler und ermöglichen erst die schleichende Normalisierung Trumps. Gerade jetzt sollte alles auf Alarm stehen.

Wenn etwas nicht sein kann, was nicht sein darf, sprechen Psychologen von kognitiver Dissonanz: Kein schönes Gefühl, sich einmal mühevoll festgelegt zu haben, und dann brechen immer mehr gegenläufige Informationen in die längst abgeschlossen geglaubte Wahrnehmung ein. Der Mensch neigt dazu, diesen unangenehmen Zustand der widersprüchlichen Tendenzen zu unterdrücken, sich also die Wirklichkeit eine ganze Weile schönzureden, bevor er sie neu annimmt. Trump ist ein gutes Beispiel.

Zugegeben, der Mechanismus, sich komplexer Eindrücke zu erwehren, funktioniert in alle Richtungen. Wer es für ausgemacht hält, dass mit dem halbgescheiten Proleten im Weißen Haus eine faschistische Diktatur in den USA Einzug hält, sieht leicht über widerstrebende Beobachtungen hinweg. Und wer in Trump seinen Helden gefunden hat, will es ohnehin nicht besser wissen – ganz gleich, ob der nun seine Versprechen erfüllt oder nicht. Übrigens gehört es zu den besseren Szenarien, auf die man hoffen kann, dass die sich abzeichnende Präsidentschaft der versammelten Inkompetenz, Böswilligkeit und Egozentrik an sich selbst scheitert. Oder man wird gleich zum Zyniker, der sich bis zum Ende aus der Distanz wenigstens gut unterhalten fühlt.

Die konkreten Anzeichen für eine Entschärfung des zu erwartenden Regierungshandelns sind derweil dürftig. Moderatere Vorstellungen als im Wahlkampf hat Trump für manche, die genau das hören wollten, in den ersten Interviews als gewählter Präsident an den Tag gelegt. Hillary Clinton soll doch nicht ins Gefängnis, Folter ist vielleicht wirklich nicht die beste Idee, möglicherweise haben Menschen doch etwas mit dem Klimawandel zu tun, die Mexiko-Mauer kann hier und da auch nur ein Zaun sein, abgeschoben werden erst mal nur die Straftäter, mit der Presse kann man irgendwie ganz gut auskommen – beispielsweise. Außerdem telefoniert er ja ständig mit Barack Obama, da geht also noch was.

Die Wende ins Weiche?

Aber bewegt sich Trump tatsächlich? Und was meint er überhaupt ernst? Einerseits ist das Vertrauen in Trump trotz aller Hoffnungen völlig zu Recht nicht gerade weitverbreitet. Selbst seine härtesten neurechten Anhänger hat er mit den postelektoralen Wendungen ins Weiche eher enttäuscht. Andererseits hat er sein präpräsidentielles Pöbel- und Verlautbarungsorgan auf Twitter ja nicht eingestellt, und seine Angriffe zielen auf das demokratische Fundament. Handfeste Entscheidungen, echte Politik also, sind in der Übergangsphase zur Amtsübernahme nicht zu beobachten, und so muss man sich wohl oder übel an das geschriebene und gesprochene Wort halten. Oder seine Schlüsse aus der getroffenen wie befürchteten Personalauswahl ziehen. Und die weiterhin vagen Umrisse dessen, was Trump vorhat, zugrunde zu legen – solange er sich eben nicht festlegt oder ab Januar wirklich etwas tut.

Bis dahin ist es besonders leicht, an der schäbigen Normalisierung des künftigen Präsidenten mitzuwirken: Er hat ja noch gar nichts gemacht, warten wir doch erst einmal ab, wie seine ersten Schritte sein werden; man darf ihn nicht vorschnell verteufeln, er ist immerhin demokratisch gewählt; die Verantwortung des Amtes wird ihn verändern – die kognitive Dissonanz zwischen dem Hoffen auf das Beste und den Signalen, die auf das Schlimmste deuten, ist offenbar nur schwer auszuhalten. Die Psychologen sagen grob: Je schlimmer der Zwiespalt wird, desto radikaler versuchen wir, das eigentlich Unvereinbare miteinander zu versöhnen. Das heißt im Falle Trump leider: Erst wenn man damit gar nicht mehr zurecht kommt, wird die Schönrederei verstummen, vorher wird sie eher lauter.

Niemand wünscht sich den Untergang herbei

Immer nur vom worst case auszugehen, lässt sich in diesem Umfeld schnell als Alarmismus abtun. In der Tat mögen manche Warnungen im Nachhinein als überzogen entlarvt werden können. Dagegen hätten am allerwenigsten alle, die jetzt eine große liberale Demokratie und mit ihr die Welt bedroht sehen, etwas einzuwenden: Niemand wünscht sich den Untergang herbei.

Das weitaus größere Versagen jedoch ist, zu lange nur auf das Spektakel zu starren, das sich gerade abspielt, und an die Vernunft zu glauben, die alles schon richten wird. Die Angst derer zu teilen, die jetzt schon den Hass spüren, den Trump für sich instrumentalisiert hat – Einwanderer, Muslime, Schwarze ... Menschen in Aleppo – ist alles andere als irrational. Wann immer spätere Autokraten an der Macht einen Staat zum Instrument der Einschüchterung, Unterdrückung und Gleichschaltung umgebaut haben, hat es oft ähnlich ruhig begonnen wie jetzt. Und zu viele wollten nicht hinsehen. Es gibt also mehr Anlass dafür, wachsam zu sein und jeden Angriff, jede Gefahr klar zu benennen, als sich allzu schnell in einer beschönigten Realität einzurichten. Das gilt nicht nur für Journalisten.