Wenn es für die Deutschen derzeit einen Grund gibt, sich mal wieder von der französischen Politik verführen zu lassen – wie im Mai 68, wie beim Nein gegen den Irak-Krieg – dann ist es ein Mann: Emmanuel Macron, 38 Jahre jung und seit gestern Präsidentschaftskandidat. Er sieht nicht nur gut aus. Er ist mit seiner ehemaligen, 20 Jahre älteren Französischlehrerin verheiratet, die zahlreichen Quellen zufolge seine wichtigste Beraterin ist, und mit der er ein ungeheuer glaubwürdiges, sehr politisches Paar bildet. Auch hat Macron große Lehrer, denen er seine Moral entlehnt: Er assistierte beim französischen Philosophen Paul Ricœur, der das gegenseitige menschliche Verständnis zum Imperativ seiner Demokratielehre erkor. Er bekennt sich freimütig zu den föderalen Europa-Ideen des deutschen Philosophen Jürgen Habermas. Fragt sich für deutsche Verhältnisse nur: Wie soll so einer Präsident werden können? Selbst die Pariser Tageszeitung Libération schreibt, er spräche zwar eine klare Sprache, "nur ein bisschen zu intellektuell".

Doch ist es nicht gerade das, was die französische Politik immer von der deutschen unterschieden hat, was ihr seit 1789 unter Demokraten weltweiten Einfluss verschafft? Ihr ungeheuer intellektueller Anspruch nämlich. Genau daran versucht der ehemalige Wirtschaftsminister von Präsident François Hollande heute anzuknüpfen: "Frankreich war immer ein Motor des Fortschritts, aber es ist vom Weg des Fortschritts abgekommen", verkündet Macron am Mittwoch in die Kfz-Mechanikerhalle für Lehrlinge in der Pariser Vorstadt Bobigny, die ihm als Bühne für seine Kandidatur-Erklärung für die französischen Präsidentschaftswahlen im kommenden Frühjahr dient. Vor Journalisten und Lehrlingen fordert er nicht weniger als "eine demokratische Revolution, eine demokratische Revolution in Europa!" Und wem das nicht reicht, dem verspricht er, den "roten Faden des tausendjährigen europäischen Projekts wiederzufinden", damit wir alle fähig sind, "unser Glück in der Globalisierung" zu machen.

Nein, so wollen die Deutschen ihre Politiker nicht reden hören. Sie sollen auf dem Boden bleiben. Aber die Franzosen? Ticken sie immer noch anders? Macron jedenfalls wird gehört. Zum ersten Mal, seit ich meinen kleinen Sohn morgens in die Pariser Kindertagesstätte bringe, war heute unter den Kindergärtnerinnen von Politik die Rede. "Habt ihr Macron gehört? Er will die Arbeitszeit für junge Leute erhöhen und die für ältere bei 35 Stunden belassen. Das ist doch mal eine gute Idee", sagte eine ältere Erzieherin. So weit bringt es fünf Monate vor den Wahlen kein anderer Kandidat: Macron werden unter normalen Leuten neue Ideen zugetraut. "Er versteht die Digitalisierung besser als alle anderen", sagte gestern einer seiner jungen Anhänger im französischen Sender BMTV. Das ist sein großes Plus: Macron ist nicht Parteipolitiker, war früher Bankier bei Rothschild, später dann Präsidentschaftsberater. Man nimmt ihm ab, dass er zwar selbst ein elitärer Intellektueller ist, der aber mit der Politikerkaste brechen will und seine eigenen Ideen hat.

Gute Werte für einen Outsider

Reicht das zum aussichtsreichen Kandidaten? Die Zeitung Libération erklärt in ihrer heutigen Ausgabe, "warum er gewinnen kann und quasi keine Chance hat". Keine Chance hat er nach den bisherigen Spielregeln. Denn noch haben sich Frankreichs Wähler bei jeder Wahl mit gewisser Voraussehbarkeit an die alten Linien von links und rechts gehalten. Allerdings wuchs gleichzeitig beständig der Wähleranteil der Rechtsextremisten des Front National (FN). Macron platziert sich nun selbst außerhalb dieses etablierten Parteiensystems. Er setzt darauf, dass neun von zehn Franzosen heute in Umfragen sagen, dass ihnen das Parteiensystem zuwider ist. Stattdessen hat Macron eine eigene Unterstützerbewegung im Internet namens En marche gegründet – übersetzt: In Bewegung. Die Bewegung zählt heute 80.000 Unterstützer, die nicht einmal einen Mitgliedsbeitrag bezahlen müssen. Ersetzt das schon einen Parteiapparat, um eine erfolgreiche Wahlkampagne führen zu können?

"Diese Wahl zeigt, dass nichts im Voraus entschieden ist", kommentierte Macron die Wahl Donald Trumps zum US-amerikanischen Präsidenten. Derzeit sehen ihn die französischen Umfragen zwischen 14 und 18 Prozent beim ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen. Für einen Outsider ist das viel. Deshalb bekommt er wie gestern Abend beste Sendezeit in den 20-Uhr-Nachrichten des französischen öffentlichen Fernsehens. Vermutlich bräuchte er 25 Prozent, um seine Konkurrenten im ersten Wahlgang ausschalten zu können. Unwahrscheinlich, aber nicht undenkbar. Schon berichtet die Zeitung Le Monde, dass Präsident Hollande, sollte er nicht mehr kandidieren, eher zu Macron als seinem Ersatzkandidaten neigt als zu Premierminister Manuel Valls, der ihm derzeit allzu penetrant den Rückzug empfiehlt. Was wiederum in Deutschland aufhorchen lassen sollte: Schon die Außenseiterchance, dass ein durch und durch Linksliberaler als französischer Präsident die europäische Politik aufmischen könnte, sollte uns in diesen Zeiten, Trumps Zeiten, Hoffnung machen.