Wie oft Recep Tayyip Erdoğan schon mit dem Bruch des Flüchtlingsabkommens gedroht hat, ist schwer einzuschätzen. Viermal? Fünfmal? Jeden zweiten Monat? Schon bevor er die Abmachung mit der EU einging, warnte der türkische Präsident im November letzten Jahres, dass er die "Tore aufmachen" und Europa "mit Flüchtlingen fluten" könnte. 

Erdoğan weiß, dass er sich mit dieser Drohung in der Europäischen Union jedes Mal aufs Neue Gehör verschaffen kann. Der Flüchtlingsdeal ist sein Trumpf. Zuletzt spielte Erdoğan die Karte am Freitagmorgen bei einer Rede in Istanbul aus. "Hören Sie mir zu. Wenn Sie noch weiter gehen, werden die Grenzen geöffnet, merken Sie sich das," sagte der Präsident unter dem Beifall des Publikums.

Die Ansprache richtete sich an das Europäische Parlament, das am Donnerstag mit großer Mehrheit ein Einfrieren der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei gefordert hatte. Die Abstimmung ist zwar nicht bindend – Verärgerung hat sie in Ankara dennoch ausgelöst.

Selbst wenn aber die Mitgliedstaaten und die EU-Kommission der Empfehlung des Parlaments entgegen vieler Erwartungen folgen sollten: Faktisch würde sich nicht viel ändern. Wegen des Zypernkonflikts – die Türkei erkennt den EU-Mitgliedsstaat nicht an und besetzt seit 1974 die Nordhälfte der Insel – hat sich in den Verhandlungen um eine Mitgliedschaft seit 2005 kaum etwas getan

Zudem zeigen Umfragen, dass ohnehin mehr als die Hälfte aller türkischen Wähler gegen die Fortsetzung der Beitrittsverhandlungen ist. Vor kurzem schlug Erdoğan gar vor, dass die Bürger in einem Referendum darüber entscheiden sollten, ob die Gespräche weitergeführt werden. Schließlich habe die Türkei andere Optionen, etwa die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit, geführt von China und Russland.

Dass führende türkische Politiker trotzdem empfindlich auf die Abstimmung im Europäischen Parlament reagierten, liegt auch daran, dass die Türkei mit der Möglichkeit auf einen EU-Beitritt auch ihren internationalen Status verlieren würde. Das könnte konkrete Folgen haben, die Lira etwa könnte weiter sinken.

Würde sich der Präsident aber tatsächlich in erster Linie um die Beitrittschancen seines Landes sorgen, würde er wohl andere Worte wählen. Als es darum ging, die Beziehungen zu Russland zu reparieren, wählte Erdoğan beispielsweise eine sehr versöhnliche Rhetorik. Mit seinen neuen Drohungen wendet sich der türkische Präsident aber nur scheinbar gegen den Westen. In erster Linie richten sie sich aber an die türkischen Wähler.