Fidel Castro ist mir in Havanna ein paarmal aufgefallen. "Da hinten wohnt Castro!", riefen mir diverse Fahrer, ortskundige Führer oder Parteivertreter zu, wenn wir durch jenen besonders noblen Vorort der kubanischen Hauptstadt fuhren, wo Parteispitzen, Generäle und Diplomaten untergebracht sind. Zu sehen gab es natürlich nichts: Bäume, Häuserfronten, irgendwo dahinter sollte der Revolutionsführer sein.

In einer druckfrischen Ausgabe der Parteizeitung Granma habe ich ihn dann gesehen. "Großmutter" soll das heißen, benannt nach der Jacht, mit der Castros 82 Revolutionäre 1956 nach Kuba fuhren. Das Blatt wurde damals damit aufgemacht, dass irgendein milchbärtiger Student den greisen Mann im Trainingsanzug besucht hatte. Der Student durfte sich eine Seite lang darüber auslassen, wie wach der alte Mann noch wirkte. Wie interessiert er an der Anordnung der Hörsäle in den Lehrgebäuden war.

Am lebendigsten schien Fidel Castro mir allerdings zu sein, als ich einen Nachmittag bei einer Gringa verbrachte – einer zugereisten Amerikanerin, die in einem der vornehmeren Vororte von Havanna eine kleine revolutionsfreundliche Buchhandlung unterhält. Sie legte flammende Schriften über den Kommunismus vor mir auf den Tisch und ließ im Gespräch niemanden gelten außer dem großen Fidel. Dessen reformerischer Bruder Raùl und alle anderen danach: Ach, es werde abwärts mit Kuba gehen!

So ist das mit Fidel Castro, dessen Tod am frühen Samstagmorgen bekannt wurde: Er war zum Gespenst geworden, das nur noch ganz selten in Erscheinung trat – und selbst das waren Ereignisse, die hauptsächlich etwas für Revolutionsromantiker waren.

Seit einem Jahrzehnt schon führt Fidels jüngerer Bruder Raúl die Regierungsgeschäfte. Dessen Reformeifer ist groß und zeigt eine Richtung, die Fidel nie richtig gutheißen konnte: mehr Markt, mehr Öffnung, mehr Kommerz und in der Folge mehr soziale Ungleichheit, mehr Annäherung an die USA, an El Norte, an Señor Obama.

Tatsächlich waren einige Trainingsanzugauftritte Castros zuletzt ausdrücklich dafür da, tiefe Spaltungen innerhalb der Regierungspartei zu kitten: Er stünde hinter allen Programmen, beteuerte Castro dann mit zunehmend schwacher Stimme. In gewisser Weise stimmte das wohl sogar. Geschlossene Reihen und ungebrochene Macht der Parteikader waren Fidel Castro, so wird das in Havanna häufig interpretiert, noch viel wichtiger als jede Ideologie.

Ein Linker und Antiimperialist

Der Mann war ja eher zufällig zum Kommunismus gekommen. Dass die Castro-Brüder und ihre Gefolgsleute in den fünfziger Jahren das Regime des kubanischen Präsidenten Fulgencio Batista stürzten, war seinerzeit sogar beim großen Nachbarn USA gern gesehen. Batista war eng mit der Mafia verbunden, betrieb Kuba als eine Art Casino und Nachtclub für reiche US-Amerikaner und kaum jemand erinnert sich noch daran, dass Castro damals zu einer Art Siegeszug nach New York reiste und von vielen durchaus gefeiert wurde.

Castro war ein Linker und Antiimperialist, der in der lateinamerikanischen Nachbarschaft schon an Rebellionen teilgenommen hatte, und als solcher wurde er in den USA skeptisch gesehen. Doch der große Ärger mit dem Nachbarn im Norden zog erst herauf, als sich der Revolutionsführer und spätere Staatschef von den USA verlassen sah, sich in der Folge der Sowjetunion zuwandte, US-Amerikaner und ihre Unternehmen auf der Insel im großen Stil enteignete – und dann Jahrzehnte von Anschlagsversuchen durch amerikanische Geheimdienste folgten, die große Wirtschaftsblockade durch die USA, der Invasionsversuch in der Schweinebucht 1962, die Missile Crisis der 1960er Jahre und so fort.

Das winzige Kuba war großer Player im Kalten Krieg – und der in ideologischen Fragen anfangs gar nicht völlig festgelegte Fidel Castro wurde zur strammen Symbolfigur des Kommunismus.

Kompromisslose Durchhalteparolen

So kommt es aber auch, dass die Wertschätzung für Castro außerhalb des Landes größer ist als drinnen. Ich habe in aller Welt schon viele Fidel-Fans kennengelernt, die das Konterfei des alten Mannes auf T-Shirts und Abzeichen tragen. Aber auf Kuba habe ich auf den Straßen eher Leute gesehen, die ein Abzeichen mit einer US-Flagge am Revers tragen und dergleichen mehr. Für die breite Mehrheit der Kubaner war der Glaube an den Máximo Líder Castro spätestens vorbei, als Ende der 1980er Jahre die Sowjetunion zusammenbrach, als die Hilfen des Bruderstaats nicht kamen und im sozialistischen Paradiesland sogar Hunger ausbrach.

Die Leute in Kuba erzählen mit Schaudern davon, wie man zu diesen Zeiten der Not eine Art Fleischersatz aus Pampelmusenschalen erfand, um überhaupt noch etwas zu essen zu haben. Und wie man gleichzeitig den kompromisslosen Durchhalteparolen des Fidel Castro zu lauschen hatte, der zwar ein paar notdürftige und marktfreundliche Reformen gegen die schlimmsten Mängel anordnete – aber wirklich nur das absolute Minimum. Und bald nahm er einiges davon wieder zurück.