Wenn es um das Erbe des Imperiums aus lettischer Perspektive geht, muss man wissen, dass sich die Entwicklung Lettlands innerhalb der Sowjetunion in vielerlei Hinsicht auch aus der Zeit vor 1918 ergab. In diesem Jahr dufte Lettland – wie Finnland, Estland und Litauen – dank Lenin Sowjetrussland verlassen und wurde ein unabhängiger Staat. Für Lettland sollte dies, anders als für Litauen, die erste Erfahrung als eigenständiger Staat werden.

Das Gouvernement Livland war über viele Jahre das Tor des Russischen Reiches zum Meer gewesen – ein Status, der prägend für seine Entwicklung war. Die heutige lettische Hauptstadt Riga war bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs eine moderne Industriestadt und nach Sankt Petersburg das zweitwichtigste Industriezentrum des Russischen Reiches. Der Anteil der städtischen Bevölkerung im Land war hoch, und um den wachsenden Bedarf des Imperiums decken zu können, wurden Produktion und Infrastruktur ausgebaut.

Nachdem Lettland also unabhängig geworden war, begann die Struktur der inzwischen vom russischen Markt abgekoppelten Wirtschaft sich allmählich zu wandeln und neu zu orientieren – hin zu einer agrarisch geprägten, auf den einheimischen Verbrauch ausgerichteten Produktion. Nach der Eingliederung des Landes in die Sowjetunion im Jahre 1940 und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs machte sich die sowjetische Führung abermals daran, die lettische Wirtschaft auf die Bedürfnisse des – nunmehr sowjetischen – Imperiums zuzuschneiden.

Sergejs Potapkins ist Mitglied der Saeima, des lettischen Parlaments, und Sozialdemokrat. Er ist russischer Abstammung und wurde 1977 in Riga geboren. Nach der Unabhängigkeit Lettlands 1991 wurde er zum Nichtbürger. Der Wirtschaftswissenschaftler wurde aber eingebürgert und 2011 ins Parlament gewählt. Seit 2014 ist er unter anderem Sekretär des Ausschusses für Außenpolitik. © baltnews.lv

Die demografische Zusammensetzung der Bevölkerung veränderte sich in dieser Zeit gravierend. Zwischen 1918 bis 1940 hatte der Anteil der russischsprachigen Bevölkerung (Russen, Weißrussen und Ukrainer) weitgehend unverändert bei zwölf Prozent gelegen. 1959 belief er sich bereits auf 30 Prozent und wuchs bis 1989 auf 40 Prozent im Landesdurchschnitt an. In Riga gab es 1989 sogar mehr als 60 Prozent russischsprachige Menschen.

Widerstand gegen den Bau der Metro in Riga

Ein derart rasanter Zuwachs der russischsprachigen Bevölkerung ließ bei der lettischen Intelligenz die begründete Angst aufkommen, die Letten könnten sich als Mehrheit im eigenen Land nicht halten. Als dann 1986 die sowjetische Regierung mit den Vorbereitungen für den Bau einer Metro in Riga begann, rief das den Widerstand der einheimischen Bevölkerung auf den Plan. Denn die Letten glaubten zu Recht, dass die Bauarbeiter, die aus anderen Sowjetrepubliken ins Land kommen sollten, die demographischen Verhältnisse endgültig verschieben würden. Der sanfte Widerstand gegen den Bau der Metro wurde zu einem wichtigen Ereignis für den nationalen Aufbruch und die weitere Herausbildung der Bewegung für eine Loslösung von der UdSSR.

Auch in der Folgezeit zieht sich die demografische Frage wie ein roter Faden durch die gesamte jüngste Geschichte des unabhängigen Lettlands.

Plötzlich Nichtbürger

Nachdem Lettland 1991 seine Unabhängigkeit wiedererlangt hatte, setzte sich die Regierung des Landes das Ziel, der Nato und der EU beizutreten. Um sich vor den reaktionären Kräften zu schützen, als die man die russischsprachige Bevölkerung Lettlands wahrnahm, wurde der zuvor unbekannte Status des Nichtbürgers eingeführt. Der Status von Menschen also, die zwar als ständige Bewohner des Landes anerkannt sind, aber weder wählen noch gewählt werden dürfen. Und das entgegen der Zusagen, die vor dem landesweit abgehaltenen Referendum über den Austritt aus der Sowjetunion gegeben worden waren.

Bei diesem Referendum hatten alle Bewohner Lettlands ihre Stimme abgegeben, und die Analyse der Abstimmungsergebnisse zeigt, dass die Entscheidung zugunsten der Unabhängigkeit gleichermaßen mit den Stimmen von Letten und Russen getroffen wurde.

Misstrauen gegenüber den Russischsprachigen

Dennoch beschloss die lettische Regierung, als die Unabhängigkeit des Landes de jure anerkannt war, rund 30 Prozent der Bevölkerung, deren Vorfahren erst nach 1940 nach Lettland gekommen waren, in ihren Rechten zu beschränken. Wäre es nach den Plänen Europas gegangen, hätte Lettland das Problem der Nichtbürger noch vor der Aufnahme in die EU lösen sollen. Doch die lettischen Unterhändler erwirkten einen Aufschub – mit Verweis darauf, dass eine deutlich höhere Anzahl russischsprachiger Wahlberechtigter den Ausgang des Referendums über den Beitritt Lettlands zur EU (2003) beeinflussen, den Beitritt zur Nato platzen lassen und Lettland in den Wirkungskreis russischer Interessen zurückführen könnte.