Heinz-Christian Strache, der Vorsitzende der FPÖ, unterstützt den Präsidentschaftswahlkampf seines Stellvertreters Norbert Hofer mit einer Flut von Postings in den sozialen Medien. Er geißelt die "Einladungspolitik" der Regierung und die "abgehobene System-Polit-Elite", er warnt vor der "Aufgabe unserer österreichischen Eigenstaatlichkeit" und freut sich über den Wahlsieg von Donald Trump. Während Hofer, der Kandidat, den ausgleichenden Staatsmann hervorkehrt, bedient Strache, der Parteichef, die wütenden Kernschichten.

Das Muster ist oft erprobt, funktioniert aber nicht mehr richtig, wie Strache letzte Woche erfahren musste. Alexander van der Bellen habe offenbar vergessen, sich "die andere Hälfte des Oberlippenbarts zu rasieren", schrieb Strache – oder ein Vertrauter unter seinem Namen – auf Facebook unter ein unglückliches Foto des grünen Gegenkandidaten und fügte die hämische Frage an: "Was vergisst er noch?" Die Injurie passt zu der Taktik, den 72-Jährigen als senil darzustellen. Aber sie ging den Anhängern Hofers entschieden zu weit. Die Attacke sei "kindisch", "peinlich" oder "pubertär". "Herr Strache", schrieb ein "Freund" unter dem Applaus anderer FPÖ-Anhänger, "wir bitten Sie eindringlich, Hrn. Hofer mit solchen unprofessionellen Kommentaren nicht zu schaden."

Inhaltlich gleicht die Wahlauseinandersetzung in Österreich der amerikanischen bis in Einzelheiten. Hofer positioniert sich gegen das "Establishment", das hier "Hautevolee" heißt, gegen Zuwanderer und Flüchtlinge, wendet sich Russland zu. Van der Bellen setzt dagegen auf Merkel und Europa und betont die Kontinuität zu seinen Amtsvorgängern. Aber im Stil unterscheidet sich der amerikanische und der österreichische Wahlkampf radikal. Hofer, der sich wie Trump als Herausforderer geriert, vermeidet jeden konfrontativen Ton und tut im nunmehr dritten Anlauf zur Wahl alles, Unterschiede zum Gegenkandidaten abzuschwächen. Umgekehrt unternimmt das Van-der-Bellen-Lager nichts, das wie eine Angstkampagne gegen die FPÖ aussehen könnte.

Polarisierung würde Wähler verschrecken

Peter Filzmaier, Österreichs bekanntester Wahlforscher, kann den Widerspruch plausibel erklären: Trumps rüpelhafter Ton habe in den USA mit ihrer traditionell niedrigen Wahlbeteiligung erst einmal erfolgreich für Aufmerksamkeit gesorgt. In Österreich sei das dagegen nicht nötig. Tatsächlich zeigen Umfragen, dass die Wähler auch nach zwei Wahlgängen im Frühjahr und einer abgesagten Wahlwiederholung im Oktober auch noch ein drittes Mal zur Urne gehen wollen, womöglich sogar in noch größerer Zahl.

Nicht nur die auffällig sanfte Sprache, auch die Reduzierung inhaltlicher Konflikte kommt Filzmaier logisch vor. Umkämpft sei zwischen den beiden Kandidaten eben vor allem die konservative und Mitte-rechts-orientierte Klientel. Diese Klientel hat sich im ersten Wahlgang im März für die unabhängige Kandidatin Irmgard Griss oder den ÖVP-Politiker Andreas Khol entschieden. Diese beiden konservativen Kandidaten kamen zusammen auf 30 Prozent. Eine Angstkampagne gegen die Rechte, sagt Filzmaier, würde in diesem Milieu nicht verfangen. Van der Bellen könne dort eher mit seinem ausgleichenden Amtsverständnis punkten. "Wenn man da zu sehr polarisiert und sprachlich überzeichnet, bleiben diese Wähler zu Hause."

Österreich - Warum Norbert Hofer in Pinkafeld so gut ankommt Am 4. Dezember entscheiden die Österreicher über ihren Bundespräsidenten, nachdem die Stichwahl vom Verfassungsgericht für ungültig erklärt worden war. Hofer kommt aus Pinkafeld. Der Kandidat der rechten FPÖ hat dort viele Unterstützer. © Foto: AFP-TV