Die Erde ist rund. Auf ihr leben die Kulturen, Flecken bildend wie Mikrobenkolonien auf einer nicht mehr frischen Frucht. Manch einer meinte, jener große, während der vergangenen Jahrzehnte so aktive Fleck, den man gemeinhin Westen nennt, werde sich ausdehnen und alle anderen vielfarbig durchwachsen. Andere glaubten, die Erde bleibe weiterhin gesprenkelt, die verschiedenen Tupfen bildeten ein Archipel unterschiedlicher kultureller Inseln, verurteilt zum ewigen Konflikt miteinander oder, im besseren Fall, zu ewiger Distanz voneinander.

Seit gestern ist klar: Die Realität sieht anders aus. Kulturen gibt es genau zwei, und mit auf der Oberfläche sichtbaren Konturen haben sie nichts zu tun. Die Grenze zwischen ihnen verläuft nicht entlang irgendeines Umrisses. Sie zieht sich durch die einzelnen Formen hindurch.

Diese beiden Kulturen haben noch keine Namen. Sie heißen nicht westlich oder islamisch, nicht russisch oder europäisch oder lateinamerikanisch. Bislang sind sie noch diese Kultur und jene Kultur.

Diese Kultur ist diejenige, in der der Nachbar im Internet näher ist als der hinter der nächsten Wohnungstür; in der ein Individuum lebt, um sich selbst zu erfinden; und in der das Einzigartige als Tugend gilt, das Fremde als Bereicherung.

Jene Kultur ist diejenige, in der das Gegenteil der Fall ist; in der das Fremde zum Anderen wird, zum Gegner; in der sich das Ich vornehmlich aus der Herkunft definiert und sich von Gefühlen wie Enttäuschung, Verlorenheit, vor allem aber Angst leiten lässt.

Diversität versus Ressentiment

Mit diesen beiden Kulturen haben wir es heute zu tun: mit der Kultur der Globalität und der Diversität auf der einen Seite, und der Kultur der Identität und des Ressentiments auf der anderen. Sie stehen sich verständnislos gegenüber.

Unweigerlich fühlt man sich an die Zeit des kalten Krieges erinnert. Auch damals gab es zwei Kulturen, auch damals ging ein Riss durch die Welt. Um seine Richtung zu ermitteln, genügte es, Breschnew und Reagan gegenüber zu stellen: Die gesuchte Linie ging glatt zwischen ihnen durch.

Aber heute ist nicht mehr der Riss zwischen Ost und West der wesentliche. Heute geht es um einen Riss quer zu aller Geografie. Sein Verlauf lässt sich allein mithilfe von Namen wie Angela Merkel, Justin Trudeau oder Hillary Clinton für die eine, Donald Trump, Recep Erdoğan oder Wladimir Putin für die andere Seite nicht mehr bestimmen. Man muss sich auf die Suche nach anderen Orientierungshilfen machen. Dafür gibt es zwei Gründe.

Erstens durchdringen sich die beiden Kulturen heute in jedem Staatsgebilde gegenseitig. Wohin auch immer man schaut, stets ist der Gegenpol mit vorhanden: Mitten in ihrer ins Identitäre steuernden Leitkultur, aber ohne ihr anzugehören, leben russische Bürger, die kein isoliertes Traditionsrussland wünschen, oder die Journalisten der türkischen Zeitung Cumhuriyet und ihre Leser. Ebenso verhält es sich auf der anderen Seite: Die Anhänger von Marine Le Pen, Frauke Petry oder Geert Wilders träumen von der Befreiung vom Fremden und wettern gegen vermeintliche oder bestehende Eliten, mitten in ihren global-diversen Demokratien, aber kulturell unverbunden mit ihnen.

Zwei Methoden der Wiederverzauberung der Welt

Zweitens geht es hier um mehr als nur um Enklaven der jeweiligen politischen Opposition: Viel entscheidender als die Zusammensetzung der Gruppen selbst sind die gesellschaftlichen Prozesse, die zu ihrer jeweiligen Entstehung führen. Der Soziologe Andreas Reckwitz nennt diese Prozesse in einem kürzlich vorgestellten Modell "Kulturalisierungen" und sieht sie aus einer gemeinsamen Quelle gespeist: aus einer Abstoßungsbewegung von der rationalen, emotionsarmen Moderne. Kulturalisierung beschreibt, wie nüchternen Dingen, Ideen oder Praktiken ein emotionaler Wert zugesprochen wird – Quasi die Methode der Wiederverzauberung der Welt.

Die Zauberstäbe der beiden Gruppen vollführen dabei jeweils grundunterschiedliche Gesten mit entgegengesetzten Wirkungen.

Die Mitglieder der global-diversen Kultur wählen sich auf dem Markt der Lebensmodelle und kulturellen Güter jene aus, die ihnen dabei helfen, sich als Individuum zu realisieren. Diese Selbstverwirklichung ist ihre Form der Verzauberung. Für sie ist die kulturelle Vielfalt positiv, weil sie die Auswahlmöglichkeiten vergrößert. Diese Art der Kulturherstellung ist also ins Offene gerichtet und zeitlich gesehen eher in die Zukunft.

Genau umgekehrt verläuft die Entstehung der essentialistischen, identitären Kultur. Ihre Vertreter betreten den Markt der möglichen Werte gar nicht erst. Der Wertgebungsvorgang orientiert sich daher in ihrem Fall nicht an der eigenen Subjektivität, sondern an einer Unterscheidung zwischen ingroup und outgroup, wobei dem Inneren sein Wert nur dadurch zuteil werden kann, dass er dem Äußeren abgesprochen wird. Der Prozess, der hier stattfindet, ist also einer des Schließens, und er zielt auf eine – tatsächliche oder konstruierte – Vergangenheit.

Durch diese vollkommen gegensätzliche Art des Zusprechens von Wert, so Reckwitz, bilden sich nicht nur zwei unterschiedliche Kulturen heraus. Es führt vielmehr dazu, dass zwei völlig verschiedene Auffassungen davon entstehen, was Kultur überhaupt bedeutet. Dass zwischen beiden Gruppen absolute Fremdheit herrscht, erscheint unter diesen Bedingungen geradezu selbstverständlich.

Paradoxe Allianzen

Innerhalb der identitären Kultur selbst geht es nicht gerade freundschaftlich zu. Schließlich ist jede ingroup für die Vertreter einer anderen ingroup zwangsläufig ein Außen, das es zu entwerten gilt. Dies ändert sich allerdings schlagartig, wenn diese Kultur mit der global-diversen Kultur konfrontiert wird. Denn sie wird als eine Drohung gegen das Prinzip der Gruppenidentitäten überhaupt empfunden. Der Mechanismus des gegenseitigen Abwertens schlägt dann um in die Bildung paradoxer Allianzen, deren gemeinsame outgroup der "dekadenten Westen" ist – und es kommt zum "Schulterschluss zwischen evangelikalen und orthodox-muslimischen Glaubensgemeinschaften im Kampf gegen die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare oder zwischen Le Pen und Putin gegen die USA."

Produktion von Hoffnungslosigkeit

Gegen die USA? Fast sieht es so aus, als müsse dieser letzte Satz nun neu geschrieben werden. Doch ganz so weit ist es noch nicht. Zudem birgt der jetzige Augenblick, so sehr ihn das Gefühl einer sich gerade vollziehenden Katastrophe begleiten mag, durchaus auch eine Chance.

Sicher, auf den Fahnen des identitären Essentialismus steht genug geschrieben, das alle Hoffnung nehmen kann. Von der manipulativen Vertauschung von Wahrheit und Lüge bis hin zum politstrategischen Schüren von Angst.

Doch Hoffnungslosigkeit wird auch von der globalen-diversen Kultur selbst produziert. Der etablierte politische Diskurs hat es nicht geschafft, die Probleme, von denen sich die essentialistisch-identitäre Kultur nährt, überhaupt in Konzepte zu fassen, geschweige denn Lösungen für sie vorzuschlagen. Diese Kultur hat sich allzu oft nur mit sich selbst beschäftigt.

Dafür wird nun die nötige Muße fehlen. Denn die neue Struktur der Kulturen, die bisher nur im Verborgenen erahnbar war, tritt derzeit mit atemberaubender Geschwindigkeit ans Tageslicht. Sie wird die bisherigen Sicherheiten des etablierten Diskurses in die Revision zwingen und ihn aus der Selbstbezogenheit heraustreiben. Über den Störenfried kann man nicht mehr hinwegsehen, wenn dieser im Präsidentensessel sitzt. Man muss sich ihm stellen.

Und so könnte es sein, dass die paradoxe Situation entsteht, dass zwei Arten von Hoffnungslosigkeit eine neue Hoffnung hervorbringen. Oder zumindest die Chance auf eine Hoffnung. Denn das Politische, lange vermisst, ist nun zurück. For better or worse, wie sie dort, von woher der Wecker schrillt, wohl sagen würden.