Es ist etwa zwanzig Jahre her, dass ich beim Davoser Weltwirtschaftsforum abends an einen Tisch geriet, an dem auch zwei Türken saßen, die zum ersten Mal an dem Schweizer Talkfest teilnahmen. Sie stellten sich vor als Recep Tayyip Erdoğan, Oberbürgermeister von Istanbul, und Abdullah Gül, Mitglied des Auswärtigen Ausschusses im türkischen Parlament. Gül hatte zwei Jahre in London und in Exeter studiert, sein fließendes Englisch ermöglichte einen angenehmen Smalltalk.

Ein befreundeter türkischer Journalist der Cumhuriyet erzählte mir dann, dass er große Stücke auf die beiden halte. Sie wollten den beherrschenden Einfluss der Militärs brechen, die sich seit 1960 viermal an die Macht geputscht hatten, dreimal mit Waffengewalt (1960, 1970, 1980), einmal durch Drohungen und Druck (1997). Außerdem hatten sie vor, die Rechte der Gewerkschaften zu stärken und der Gleichberechtigung zum Durchbruch zu verhelfen. Vor allen Dingen jedoch strebten sie im Inneren die Aussöhnung mit den Kurden an und nach außen die Heranführung der Türkei an die Europäische Union.

Dies alles setzten sie in der Tat ins Werk, seit sie Anfang der 2000er Jahre in wechselnden Rollen als Premierminister und Staatspräsident die Geschicke der Türkei leiteten. Sie schickten das Militär hinter die Kasernenmauern. Sie suchten Frieden mit den Kurden, sprachen mit dem inhaftierten PKK-Anführer Öcalan und erlaubten kurdische Sprachkurse und Rundfunksendungen. Auch gingen sie gegen die Folter an und schafften die Todesstrafe ab. Überdies schienen sie bereit, der Teilung Zyperns ein Ende zu setzen. Schließlich nahmen sie 2005 die EU-Beitrittsverhandlungen auf. Außerdem schaffte Erdoğan ein türkisches Wirtschaftswunder, das ringsum Neid und Bewunderung erregte. Es erschien mir nicht unrealistisch, meine Hoffnung auf eine ersprießliche gemeinsame Zukunft mit der Türkei zu setzen.

Erdoğan im Wahn

Die Hoffnung wurde enttäuscht. Erdoğan bändigte die kemalistischen Militärs; das begrüßte ich. Doch zugleich fing er an, die Türkei zu islamisieren, die Meinungsfreiheit zu unterdrücken, das Verfassungsgericht zu missachten und die Opposition durch Aufhebung der Immunität eines Viertels der Abgeordneten auszuschalten. Hatte ich mich von ihm täuschen lassen? Hatte er alle absichtsvoll getäuscht?

Ehedem missachtete Zitate tauchten jetzt auf, die den Zweifel nähren. Im Jahre 1994, als Oberbürgermeister Istanbuls, nannte Erdoğan die EU eine "Vereinigung von Christen, in der die Türkei nichts zu suchen hat". Ein andermal proletete er: "Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufspringen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Moscheekuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten." Hätten wir ihn schon früher ernst nehmen sollen?

Seit dem massiven, doch stümperhaften und daher rasch niedergeschlagenen Militärcoup vom 15. Juli kann die Antwort nur lauten: Ja, das hätten wir. Erdoğan ließ es nicht dabei bewenden, die Putschisten zur Rechenschaft zu ziehen, vielmehr startete er eine brutale Aktion, die an nichts so sehr erinnert wie an Hitlers Säuberungs- und Gleichschaltungswahn nach der nationalsozialistischen Machtergreifung im Jahre 1933.

Die bisherige Bilanz ist erschreckend. Hunderte von Generälen, Tausende von Offizieren aus den Streitkräften entlassen. Über 30.000 Personen festgenommen. Die Gefängnisse müssen Kriminelle entlassen, um Platz für sie zu schaffen. 3.000 Staatsanwälte und Richter, insgesamt 70.000 Staatsbeamte wegen angeblicher Zusammenarbeit mit der Gülen-Bewegung arrestiert, suspendiert oder gefeuert. 1.600 Hochschuldekane und 4.000 Akademiker auf die Straße gesetzt. Zig kurdische Oppositionspolitiker festgenommen. 20.000 Lehrer an Privatschulen verloren ihren Job. Jetzt wird obendrein noch der Wirtschaftssektor "gesäubert".