Nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten ist die potenziell destruktive Rolle sozialer Medien für die liberale Demokratie in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Die sozialen Medien, so der Tenor, haben einen Raum der Entfesselung geschaffen, in dem illiberale Werte einschließlich Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Homophobie ungezügelt propagiert werden. Russlands augenscheinliche Verwendung sozialer Medien zur Beeinflussung der US-Wahlen hat Internetplattformen wie Twitter den Ruf als neues, potentes und "aggressives Werkzeug der Außenpolitik" eingebracht.

Nicht zuletzt der Einsatz automatischer Twitter-Accounts, sogenannter Bots, hat negative Sichtweisen auf politische und gesellschaftliche Einflüsse sozialer Medien zusätzlich befördert – sie überfluteten den virtuellen Raum während des US-Wahlkampfs mit Propaganda sowohl des republikanischen als auch des demokratischen Lagers. Vor diesem Hintergrund rückte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel die sogenannten Fake News und die Gefahr, die deren Verbreitung durch die sozialen Netzwerke für die demokratische Meinungsbildung darstellt, in den Mittelpunkt ihrer Rede im Bundestag in der vorigen Woche.

Diese Wahrnehmung sozialer Medien als Instrumente für sogenannte identity politics und als Multiplikatoren von Fake News steht im krassen Gegensatz zum Hype um soziale Netzwerke, der 2011 im Kontext des sogenannten Arabischen Frühlings im Nahen Osten und in Nordafrika entstand. Damals sprachen Sozialwissenschaftler noch von Befreiungstechnologien und schrieben Facebook und Twitter einen demokratisierenden Effekt zu: Sie galten als Vehikel von Zivilgesellschaften für die Mobilisierung gegen autoritäre Herrscher und als Plattform, die politische Partizipation in bislang unerreichten Dimensionen ermöglichte.

Überhöht und verteufelt – beides richtig und falsch

Neuere Studien zum Nahen Osten und zu Nordafrika indes zeichnen ein differenziertes und problematischeres Bild der Funktion sozialer Medien für Gesellschaft und Politik, etwa wenn es um deren propagandistische Nutzung durch die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) geht. Keine der Sichtweisen auf soziale Medien, weder die überhöhende noch die verteufelnde, liegt falsch.

Unsere eigene Forschung zu Twitter-Debatten im arabischen Raum hat gezeigt, wie vielfältig und oft auch paradox soziale Medien auf politische und gesellschaftliche Prozesse einwirken. Der jeweils spezifische Effekt hängt stark vom lokalen Kontext einer Debatte und den Nutzernetzwerken ab, die sich in einer bestimmten Debatte engagieren. Die Analyse von Twitter-Debatten um Vergewaltigungen auf Kairos Tahrir-Platz im Sommer 2014, um Anti-Fracking-Proteste in Südalgerien und um Saudi-Arabiens Militärintervention im Jemen im Frühjahr 2015 hat uns die ambivalente Wirkkraft von Twitter auf Politik und Gesellschaft gezeigt. Um diese diffuse Wirkkraft zu verstehen, ist es wichtig zu begreifen, dass Twitter durch die Herausbildung von Netzwerken entlang unterschiedlicher Linien in viele kleinere Kommunikationsräume geteilt ist.  

Trotz seines transnationalen Charakters zerfällt Twitter in nationale Kommunikationsräume, und zwar nicht nur aufgrund von Sprach- und Dialektbarrieren. In den drei Debatten, die wir analysiert haben, waren Nationalstaaten mit der wichtigste Referenzpunkt. Immer wenn Themen aus anderen nationalen Kontexten aufgenommen wurden, haben Twitter-Nutzer diese im eigenen nationalen Kontext reinterpretiert. Beispielsweise haben libanesische Twitter-Nutzer die saudische Militäroperation im Jemen genutzt, um ihre eigenen konfessionellen Loyalitäten im eigenen nationalen Kontext auszudrücken. Dies löste eine separate, aber lokale Twitter-Debatte aus. Globale Umweltaktivisten nutzten die Frackingdebatte in Algerien als Sprungbrett für Anti-Fracking-Mobilisierung im eigenen nationalen Kontext. Gleichzeitig zeigten unsere Fallstudien, dass Themen nur vom einen zum anderen Kontext überspringen, wenn sie lokal auf einen Resonanzboden stoßen. Die Versuche ägyptischer und tunesischer Nutzer, Anti-Fracking-Debatten in den eigenen Ländern auszulösen, scheiterten.

Wenn Twitter transnationale Brücken baut, dann zwischen Gleichgesinnten. In Algerien schaffte Twitter Solidaritätsnetzwerke zwischen unterschiedlichen marginalisierten Gruppen in der Peripherie und Aktivisten in der Hauptstadt. Es bildete sich über Twitter auch ein Netzwerk gegen sexuelle Belästigung, das Aktivisten in unterschiedlichen arabischen und westlichen Ländern verband. Der dominante Trend war, dass sich via Twitter konfessionelle, ethnische, religiöse, ideologie- oder wertebasierte "virtuelle Stämme" bildeten – und gegenseitig aufstachelten.