Syriens Machthaber Baschar al-Assad und sein Verbündeter Russland fliegen seit Tagen erneut heftige Luftangriffe auf Aleppo. Bei den Angriffen auf den belagerten Ostteil der Stadt werden auch Brandbomben und Bunkerbrecher eingesetzt. Jeden Tag kommen viele Menschen ums Leben. Die Lage für die rund 280.000 eingeschlossenen Zivilisten wird immer aussichtsloser. Sie haben keinen Zugang zu Trinkwasser, Medikamenten und Strom, die Nahrungsmittel werden dramatisch knapp. Wenn die Führung um Assad nicht bald die nötigen Genehmigungen und Sicherheitsgarantien für Hilfslieferungen zulässt, droht den Bewohnern eine Hungerkatastrophe.

Anfang Februar dieses Jahres hatte uns der syrische Journalist Zouhir al-Shimale aus dem von Rebellen kontrollierten Bezirk Saif al-Dola in Aleppo geschrieben. Seither stehen wir in regelmäßigem Kontakt. In den vergangenen Tagen hat er uns erneut eine lange E-Mail geschrieben, die wir hier veröffentlichen.  

"Vor ein paar Tagen war mein Geburtstag. Es sollte eigentlich ein besonderer Tag sein. Aber ich bin nicht einmal mehr dankbar dafür, dass ich in so eine brutale Welt hineingeboren wurde. Denn so muss ich jeden Tag diesen Horror erleben.

Es gab keine Geburtstagsfeier, keinen Kuchen, keine Kerzen, keine Süßigkeiten. Es gab überhaupt nichts zu essen und nicht einmal etwas zu trinken. Meine Familie ist weit weg, in West-Aleppo. Sehr wahrscheinlich werde ich sie nie wieder sehen. Was für ein trauriger, einsamer Geburtstag das war.

Der Journalist Zouhir al-Shimale © privat

Die Bomben fallen wieder jeden Tag auf Ost-Aleppo. Die Angriffe von Assad, Putin und ihren Verbündeten sind brutaler als jemals zuvor. Doch das Schlimmste ist jetzt der Hunger.

Die Lebensmittelreserven in Ost-Aleppo sind nahezu komplett aufgebraucht. Die Läden sind leer. Wir haben kein Obst mehr, keine Milch, keine Eier. Nur noch etwas Reis, Nudeln, Linsen. Ich spüre das. Mein Körper wird mit jedem Tag schwächer. Ich habe kaum noch Energie. Wir werden verhungern, das ist völlig klar. Unsere Essensreserven in Ost-Aleppo reichen nur noch für ein paar Tage. Und sie sind unbezahlbar geworden. Für ein kleines Brot zahlt man umgerechnet 8 US-Dollar. Das kann sich kaum jemand leisten.

Jeden Morgen wache ich mit knurrendem Magen auf und überlege, wo und wie ich mir etwas zu essen besorgen kann. Es wird immer schwieriger. Manchmal muss ich eine Stunde laufen, um noch irgendwo Linsen oder Reis zu finden. Es fällt mir zunehmend schwerer, die weiten Strecken zu laufen. Heute habe ich endlich etwas Brot gefunden, das erste seit sieben Tagen. Wenn ich Glück habe, kann ich mir am Tag eine kleine Mahlzeit zubereiten. Wenn ich Pech habe, gibt es gar nichts.

Aleppo in Syrien

Aleppo liegt im äußersten Nordwesten Syriens. Die Türkisch-Syrische Grenze ist ca. 45 km entfernt.

Seit Donald Trump die US-Wahlen gewonnen hat, eskaliert hier alles. Trump will mit den Russen und Assad kooperieren. Er will nur noch gegen den IS vorgehen und plant scheinbar eine politische Lösung für Syrien, bei der Assad an der Macht bleibt. Das ist für viele hier unvorstellbar. Assad und Putin bomben Syrien in Schutt und Asche und werden dafür am Ende noch belohnt. Das ist eine entsetzliche Entwicklung. Allerdings muss man sagen, dass auch Obama nichts unternommen hat, um uns Syrern zu helfen. Im Grunde ist es egal, wer da an der Macht ist. Wir werden sterben und die ganze Welt weiß das.

Das Regime rückt immer weiter auf Ost-Aleppo vor. Und die Rebellen, die Ost-Aleppo kontrollieren, sind tief gespalten. Sie wollen nicht unter einer Führerschaft sein, mehr noch, sie bekämpfen sich bis aufs Blut. Jeder will die Macht haben. Die Oppositionsgruppen kämpfen gegeneinander, anstatt Korridore zu schaffen, damit wir Hilfspakete erhalten können. Sie bekämpfen sich, während das Assad-Regime, Russland und die Verbündeten ihre gesamten Kräfte sammeln, um Ost-Aleppo ganz auszuradieren.

Das geht allein auf unsere Kosten. Es interessiert niemanden, ob wir die nächsten Tage überleben oder nicht. Wir sitzen in einem großen Gefängnis fest und verhungern. Mit jedem Tag verringert sich unsere Chance, hier lebend herauszukommen.