Die totale Zerstörung war angekündigt, jetzt ist sie in vollem Gang. Seit gut zwei Wochen überziehen russische und syrische Kampfflugzeuge Ost-Aleppo mit einem Dauerbombardement. In den vergangenen Tagen haben nun Bodentruppen, bestehend aus Angehörigen der syrischen Armee sowie schiitischen Milizen aus dem Libanon und dem Irak, über ein Drittel des oppositionellen Ostteils der Stadt erobert. Auch kurdische Kämpfer rücken nach Angaben des Institute for the Study of War gegen die Rebellen in Ost-Aleppo vor.

Dort sind inzwischen 50.000 Menschen auf der Flucht, versuchen, in den Regime-treuen Westteil der Stadt, in die kurdischen Viertel oder in den südöstlichen Teil zu entkommen, der noch unter Kontrolle der Rebellen ist. 
Das Regime und seine Verbündeten setzen Fassbomben und bunkerbrechende Bomben ein. Videoaufnahmen in der vergangenen Woche aus einem Krankenhaus zeigen zudem Verletzte, die Symptome von Chlorgas aufweisen. Das Krankenhaus gibt es nicht mehr. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind in den vergangenen Tagen auch die letzten Krankenhäuser in Ost-Aleppo zerstört worden.

Laut Ärzte ohne Grenzen befinden sich derzeit noch "maximal 32 Ärzte" in der Stadt. Medikamente sind so gut wie keine mehr vorhanden, Verwundete können nicht mehr operiert werden. Die Schätzung von rund 500 Toten seit Beginn der jüngsten Offensive dürfte weit unter den realen Zahlen liegen, da viele Leichen nicht mehr aus den Trümmern geborgen werden können. Die Straßen sind durch Schutt versperrt, ein Großteil der Ausrüstung der Weißhelme, der syrischen Katastrophenhelfer, ist zerstört, ihre Mitarbeiter durch Bombenangriffe dezimiert.

Nach rund vier Monaten Belagerung sind die Nahrungsmittel fast völlig aufgebraucht. Die Strategie des Regimes und seiner Verbündeten, so hatte der Leiter des UN-Büros für Nothilfe, Stephen O'Brien, bereits Ende Oktober vor dem UN-Sicherheitsrat gewarnt, sei ebenso "offensichtlich wie skrupellos: das Leben unerträglich, den Tod wahrscheinlich machen. Die Menschen vom Hunger in die Verzweiflung und in die Unterwerfung treiben".

In der Tat macht das Assad-Regime keinen Hehl aus seiner Taktik. Immer wieder wurden in den vergangenen Tagen und Wochen Flugblätter abgeworfen mit der Drohung: "Wenn Ihr diese Gebiete nicht sofort verlasst, werdet Ihr vernichtet. Wir haben Korridore für Euch geöffnet. Entscheidet Euch schnell und rettet Euch."

Die Korridore erweisen sich jedoch für viele als Falle. Mitglieder der zivilen Opposition in Aleppo berichteten gestern gegenüber ZEIT ONLINE, dass Regimegegner verhaftet würden. Nach Angaben des syrischen Journalisten Zouhir al-Shimale von gestern Nacht sind 28 Zivilisten durch Beschuss prosyrischer Truppen ums Leben gekommen, als sie versuchten, aus dem oppositionellen Viertel Bab al-Nairab in vom Regime kontrolliertes Gebiet zu gelangen. Die Organisation der Weißhelme sprach von 25 Toten.

Auf der Website der staatlichen syrischen Nachrichtenagentur Sana lesen sich die Ereignisse der vergangenen Tage so: "Armee-Einheiten sicherten die Flucht Tausender Bewohner aus dem Ostteil, die meisten Frauen und Kinder, und transportierten sie in Notunterkünfte, während die Armee mit ihren präzisen Operationen gegen Terroristen fortfährt in einer Weise, die das Leben der Zivilisten schützt."

 Bis Weihnachten werde es kein Ost-Aleppo mehr geben, hatte der UN-Sonderbeauftragte für Syrien, Staffan de Mistura, schon vor Wochen gewarnt. Der Fall des Ostteils der Stadt ist in der Tat wohl nur noch eine Frage von Tagen, vielleicht einigen Wochen. 



Warum erfolgten die militärischen Erfolge des Regimes und seiner Verbündeten so schnell?

Vor allem aufgrund der massiven Eskalation der Bombenangriffe. Die haben nicht nur Ost-Aleppo sondern auch oppositionelle Gebiete in der Provinz Idlib und in Homs zum Ziel. Dort fliegen überwiegend russische Kampfflugzeuge Angriffe. Die russische Regierung will offenbar noch vor dem Amtsantritt des zukünftigen US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump Fakten schaffen, die Opposition nachhaltig dezimieren und Washington klarmachen, dass an Assad kein Weg vorbeiführt. Trump hatte zwar angekündigt, dass er den syrischen Diktator als Verbündeten im Kampf gegen den IS sehe und jegliche Unterstützung für die syrischen Rebellen einstellen wolle. Doch Demokraten wie auch einflussreiche Republikaner im Kongress haben Mitte November ein Gesetz auf den Weg gebracht, das verschärfte Sanktionen gegen das syrische Regime vorsieht. Auch im neu gewählten republikanisch dominierten Kongress sehen viele Abgeordnete Assad als Kriegsverbrecher, mit dem die USA sich nicht auf gemeinsame Aktionen einlassen sollte.

Der schnelle und verheerende Erfolg des Regimes in Ost-Aleppo hat aber noch einen lokalen Grund:  Fraktionen der Rebellen haben sich immer wieder zerstritten. Bereits vor einigen Monaten gelangen Assad-loyalen Truppen territoriale Gewinne im östlichen Vorortgürtel von Damaskus, weil Gruppen von Rebellen sich untereinander bekämpft hatten. Das Spektrum der Rebellen in Ost-Aleppo reicht von Einheiten der Freien Syrischen Armee bis zur Al-Kaida-nahen Dschabhat Fatah al-Scham (ehemals Al-Nusra-Front). Ost-Aleppos moderatere Rebellen sind in den vergangenen Jahren an mehreren Fronten aufgerieben worden. Sie gehörten lange Zeit zu den erfolgreichsten Bodentruppen gegen den "Islamischen Staat", mussten sich aber gleichzeitig gegen Angriffe des Regimes wehren. In den vergangenen Monaten haben radikalislamistische Gruppen, allen voran Dschabhat Fatah al-Scham viel an Einfluss gewonnen. Das wiederum unterfütterte die Propaganda des Regimes, dass der gesamte Widerstand in Ost-Aleppo "terroristisch" sei.

Wäre der Fall Ost-Aleppos also das Ende der Opposition?

Nicht für ihren bewaffneten Teil. Verschiedene Rebellenfraktionen kontrollieren nach wie vor einen Großteil der Provinz Idlib wie auch Gebiete in der Provinz Aleppo an der Grenze zur Türkei sowie im Süden des Landes. Allerdings wäre der Fall Ost-Aleppos wohl das Ende einer politischen Lösung, die diesen Namen verdient. Baschar al Assad zeigt sich seit dem massiven Eingreifen Russlands in den Krieg fest entschlossen, das ganze Land wieder unter seine Kontrolle zu bringen. Eine Verhandlungslösung kann in seinen Augen nur darin bestehen, dass die Opposition dies anerkennt. Oder dass die jetzige Delegation der Assad-Gegner durch eine handverlesene und vom Regime akzeptierte Opposition ersetzt wird.