Die türkische Regierung hat eine neue Verhaftungswelle eingeleitet. Im Zusammenhang mit dem Putschversuch im Juli sei die Festnahme von 103 Akademikern an der Technischen Universität Yıldız in Istanbul angeordnet worden, teilte die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu mit. 73 von ihnen seien schon in Gewahrsam genommen worden. Ihnen werde die Mitgliedschaft in einer Terrororganisation vorgeworfen.

Den Wissenschaftlern werden Verbindungen zu dem in den USA lebenden islamischen Prediger Fethullah Gülen vorgeworfen, den die türkische Regierung für den Putschversuch am 15. Juli verantwortlich macht.

Die Polizei habe Razzien in den Büros des betroffenen Lehrpersonals auf dem Uni-Campus in Istanbul durchgeführt, hieß es. Auch deren Häuser seien durchsucht worden.

Seit dem Putschversuch hat die türkische Regierung die Entlassung von zehntausend Staatsbediensteten angeregt. Nach Angaben von Staatsmedien sitzen mehr als 36.000 Verdächtige in Untersuchungshaft. 

Die kritische Situation für Andersdenkende in der Türkei lässt auch die Zahl der Asylbewerber in Deutschland steigen. Von Januar bis Oktober stellten 4.437 Türken einen Antrag in Deutschland, wie die Zeitungen der Funke Mediengruppe unter Berufung auf das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) berichtet. Im Jahr zuvor waren es nur 1.767 Personen. Besonders in den vergangenen Wochen hätten sich mehr Türken in Deutschland im sogenannten Easy-System für ein Asylverfahren vorregistriert. Auch türkische Soldaten, die am Nato-Quartier Ramstein in Rheinland-Pfalz eingesetzt sind, sollen einen Asylantrag gestellt haben.

Das SPD-geführte Außenministerium hatte ausdrücklich darauf hingewiesen, dass politisch Verfolgte in Deutschland Asyl beantragen könnten. Die CSU sieht das mit Skepsis. "Wir lösen die Probleme in der Türkei aber nicht dadurch, dass wir alle regimekritischen Bürger einladen, bei uns Asyl zu beantragen", sagte deren innenpolitischer Sprecher Stephan Mayer. Diesen Gefallen dürfe man dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan nicht tun.

EU-Beitrittsverfahren gefährdet

Die grün-schwarze Landesregierung in Baden-Württemberg will offenbar auf andere Art helfen. "Wir haben beschlossen, ein Programm im Volumen von einer Million Euro aufzulegen, um Forschern, die bedroht sind, bei uns für ein bis zwei Jahre einen Aufenthalt als Gastwissenschaftler zu ermöglichen", sagte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) den Stuttgarter Nachrichten und der Stuttgarter Zeitung. Vor allem Forscher aus der Türkei suchten in Baden-Württemberg Schutz und Hilfe.

Wegen des autoritären Kurses der Türkei mehren sich auf europäischer Ebene die Stimmen, die EU-Beitrittsverhandlungen mit dem Land zu beenden. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz ist davon nicht überzeugt: "Sprachlosigkeit hat noch nie weitergeführt, sondern birgt eher die Gefahr weiterer Eskalation in sich", sagte der SPD-Politiker dem Mindener Tagblatt.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hatte am Donnerstag die Klage einer inhaftierten Türkin abgewiesen. Die türkische Richterin war nach dem Putschversuch in der Türkei inhaftiert worden und hatte daraufhin die europäische Menschenrechtsinstanz angerufen. Doch die erklärte sich zum derzeitigen Zeitpunkt für nicht zuständig: Die Frau müsse sich erst an türkische Gerichte und das dortige Verfassungsgericht wenden, teilten die Richter in Straßburg mit.