Um zu verstehen, was die Festnahme zwölf führender Politiker der prokurdischen Partei HDP in dieser Nacht, darunter die beiden Vorsitzenden, für die Türkei bedeutet, blickt man am besten anderthalb Jahre zurück: auf die Nacht des 7. Juni 2015. In Diyarbakır, der größten kurdisch geprägten Stadt des Landes, feierten die Menschen in dieser Nacht auf den Straßen. Männer kletterten auf ihre Autos und fuhren hupend durch die Stadt. Alte, Junge, Frauen, ganze Familien tanzten und jubelten, stundenlang, und in den Gesichtern der Alten, so beschrieb es damals unsere Reporterin Muriel Reichl, lag "beseelte Fassungslosigkeit". Der Grund: Bei der Parlamentswahl hatte an diesem Tag die HDP 13,1 Prozent der Stimmen gewonnen und zog erstmals in das Parlament ein. Nicht nur das, es war überhaupt das erste Mal, dass eine Partei, die sich nicht nur, aber auch als kurdisch verstand, in Fraktionsstärke den Sprung in die nationale türkische Volksvertretung schaffte. 

Die Nacht des 7. Juni war gleich doppelt wichtig. Zum einen, weil mit dem Einzug der HDP erstmals der Kampf der ca. 12 Millionen Kurden in der Türkei für mehr Rechte eine direkte demokratische Vertretung auf höchster Ebene fand. Jetzt, da die HDP im Parlament saß, ließen sich nicht mehr alle, die eine Unterdrückung der Kurden beklagten, als Terroristen abstempeln. So zumindest die Hoffnung. Mit dem sogenannten "Lösungsprozess", den Friedensverhandlungen zwischen türkischem Staat und der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, und der neuen Rolle der HDP schien erstmals eine Beruhigung des ewigen, tödlichen Konfliktes möglich.

Zum anderen war diese Nacht so wichtig, weil sie die Mehrheitsverhältnisse im Parlament durcheinander brachte. Die AKP von Präsident Recep Tayyip Erdoğan verlor die absolute Mehrheit, sie hätte eine Koalition bilden müssen. Ein unerhörter Machtverlust. Und die vielleicht schwerste Niederlage für Erdoğan. Hatte er doch nicht nur die Mehrheit, sondern gar eine Zweidrittelmehrheit angestrebt, um so die Verfassung ändern und die Türkei zu einem Präsidialsystem umbauen zu können.

In der Nacht des 7. Juni 2015 erwiesen sich die demokratischen Institutionen, die allgemeine und faire und freie Parlamentswahl, als stärker als der reine Machtwille des Präsidenten – vielleicht zum letzten Mal.

Selahattin Demirtaş war das Gesicht des HDP-Erfolges. Ein ruhiger, charismatischer Parteivorsitzender, der nicht müde wurde zu betonen, dass es ihm nicht nur um die kurdische Sache ging, sondern grundsätzlich um Menschenrechte, Emanzipation, Freiheiten. Die HDP war und ist bis heute ein Bündnis verschiedener kurdischer, linker, ökologischer und sonstiger Parteien. Demirtaş vor allem war es, der die HDP wählbar machte auch für viele der jungen, nicht-kurdischen Türken, die sich gegen die Bevormundung durch die AKP-Regierung wehren wollten, gegen deren islamisch motivierten Gesellschaftsumbau. Die HDP war zu Teilen eine Gezi-Partei. Es war auch ein HDP-Politiker, der sich 2013 als erster mit seinem Abgeordnetenstatus vor die Bulldozer stellte, die die Bäume im Gezi-Park niederreißen sollten: Sırrı Süreyya Önder. Auch er wurde heute Nacht verhaftet.