Entsetzen. Fassungslosigkeit. Schockstarre. Es ist eingetreten, was auch der Autor dieser Zeilen nicht für möglich gehalten hat und wovor sich viele schrecklich fürchten: Donald Trump ist der nächste Präsident der Vereinigten Staaten.

Es gibt an diesem bedauerlichen Ergebnis nichts herumzudeuteln: Trump hat gewonnen, sehr überzeugend sogar. Darum ist es bedauerlich, dass die unterlegene Hillary Clinton, als die Auszählung nur noch einen Sieg Trumps zuließ, nicht unverzüglich vor ihre Partei trat und ihre Niederlage eingestand. So versäumte sie es, zur rechten Zeit ein Zeichen des Anstands und der Zivilität zu setzen. Clinton überließ die nationale Bühne allein Donald Trump.

Sein Sieg sendet Schockwellen um den Globus. Denn sollte Trump wahr machen, was er angekündigt hat, wird wenig bleiben, wie es war. Der Mann, der nie ein politisches Amt innehatte und nie in der Armee diente, hat eine Bewegung ins Leben gerufen und mit ihr eine Revolution entfacht. Man möchte sich gar nicht vorstellen, in welche Krisen diese Wahl Amerika und die Welt zu stürzen vermag.

Wähler verliehen Trump ungeahnte Macht

Die Mehrheit der Wähler hat sich nicht nur für Trump entschieden. Sie haben ihn sogar mit noch größerer Macht ausgestattet, indem sie seiner Republikanischen Partei eine Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses bescherten.

Mit dieser Macht im Rücken kann Donald Trump die Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen und Millionen illegaler Einwanderer deportieren. Der Kongress wird ihm dafür das nötige Geld gewähren. Trump kann das Pariser Klimaschutzabkommen und das Freihandelsabkommen mit Mexiko und Kanada kündigen und Obamas Gesundheitsreform auseinanderpflücken. Vom Kongress droht ihm keine Gegenwehr.

Mehr noch: Trump hat freie Hand für die Besetzung frei werdender Richterstühle im Supreme Court, dem obersten Gericht. Es gibt bereits eine Vakanz, in den nächsten vier Jahren könnten zwei weitere Richter zurücktreten. Der Supreme Court hat das letzte Wort in Verfassungsfragen. Von der Gesundheitsreform über die Todesstrafe bis zur schwulen Ehe – über alles hat das oberste Gericht schon Urteile gefällt. Richter werden auf Lebenszeit ernannt, Trump kann dem Supreme Court für Jahrzehnte einen konservativen Stempel aufdrücken.

Trumpismus gibt es nicht nur in Amerika

Es ist eine Ironie der Geschichte: Obama ist weithin beliebt, die Mehrheit der Amerikaner findet, ihr erster schwarzer Präsident mache eine guten Job. Doch jetzt schicken sie ausgerechnet einen Nachfolger ins Weiße Haus, der ewig bestritten hat, dass Obama in den Vereinigten Staaten geboren wurde und der es als seine vorrangige Aufgabe sieht, das Obama-Erbe auszuradieren.

Es wird jetzt viel Gelegenheit geben, über Trumps Pläne zu schreiben und was seine Präsidentschaft für die Welt, für uns in Europa und für die Bewältigung der zahlreichen brandgefährlichen Krisen bedeutet.

Aber seine Wahl sollte auch eine Gelegenheit sein, innezuhalten und Fragen zu stellen: Wie konnte es geschehen, dass wir Journalisten, jedenfalls die meisten von uns, einen Sieg Trumps für nahezu ausgeschlossen hielten? Was haben wir übersehen, vielleicht nicht wahrhaben wollen? Warum irrten die Meinungsforscher so kolossal?

Der Trumpismus ist nicht auf Amerika beschränkt, ähnliche Phänomene existieren in fast allen westlichen Ländern. Mehr Seelenforschung ist notwendig und mehr Beschäftigung mit jenen Menschen, die sich in unserer drastisch verändernden Welt abgehängt und alleingelassen fühlen, die Angst haben, ihre Kultur und ihre Identität zu verlieren. Es ist nicht klar, ob es für alle Sorgen eine Lösung geben wird, der demographische Wandel lässt sich nicht aufhalten. Aber man sollte viel mehr über die unter enormen Stress geratenen Gesellschaften wissen.

Martin Klingst war von 2007 bis 2014 Korrespondent der ZEIT in Washington.