Endlich sind die Fesseln gelöst, hatte Donald Trump kürzlich gesagt. Und es war zuerst nicht ganz klar, welche Form des Anstandes er in diesem Wahlkampf noch nicht geopfert hat. Denn die Folgen sind schon überall zu spüren. So ist die Zahl der antisemitischen Äußerungen im Internet stark angestiegen, heißt es in einer Untersuchung. Einem Journalisten, der eine Trump-Unterstützerin online in einem Artikel für ihre rassistische Sprache kritisiert hatte, schickten Trump-Anhänger auf Twitter das Bild seiner 7-jährigen, farbigen Tochter in einer Gaskammer. Muslimische Kinder werden in Schulen von ihren Mitschülern als Terroristen beschimpft und Trumps Anhänger reden immer häufiger von einer gewaltsamen Revolution, sollte ihr Kandidat nächste Woche nicht gewinnen.

Wie wollen die Amerikaner zusammenleben? Es scheint, als sei der US-amerikanische Wahlkampf nach 16 Monaten auf diese Frage zusammengeschrumpft. Wollen sie einigermaßen höflich, tolerant und rücksichtsvoll miteinander umgehen? Oder sollen sie einen raueren Umgang miteinander pflegen, vulgär, hasserfüllt und mitunter gewalttätig?

Um zu verstehen, warum das Letztere überhaupt zu einer Option werden konnte, die man auch jetzt immer noch ernst nehmen muss, muss man nach Texas fahren, um einen der Menschen zu treffen, die sich diesen rauen, aggressiven Umgangston nicht nur wünschen, sondern ihn auch erzeugt haben. Er ist Teil der Antwort, warum Trump trotz aller Skandale immer wieder aus einem nahezu chancenlosen Rückstand zu Clinton aufholt.

Milo Yiannopoulos betritt an der Universität Texas Tech in Lubbock einen Saal voller Studenten. Zwei muskelbepackte Sicherheitsleute begleiten ihn. Es sind ehemalige Marine-Seals, die ihn seit den Protesten linker Studenten gegen seine Vorträge bewachen. Das Publikum trägt Jeans und einige Trump-Kappen.

Yiannopoulos ist 32 Jahre alt und er ist einer der Starschreiber der rechten Website Breitbart-News, deren Chef Steve Bannon wiederum seit einigen Monaten Donald Trumps Wahlkampfleiter ist. Er ist die lauteste Stimme einer jungen, rechten Generation, die sich dagegen wehrt, dass man ihr für ihre Abneigung gegenüber dem Feminismus, der PC-Kultur, der Globalisierung, dem Islam oder dem ihrer Meinung nach übertriebenen Mitleid für Minderheiten ein schlechtes Gewissen macht. Yiannopoulos' Texte tragen Überschriften wie: "Wäre es ihnen lieber, ihr Kind leide an Feminismus oder Krebs?" – "Verhütung macht Frauen unattraktiv und verrückt" – "10 Dinge, die ich am Islam hasse".

Kürzlich hat Yiannopoulos ein College-Stipendium nur für weiße Männer ausgerufen. Die einzige Gesellschaftsgruppe, wie er schrieb, die noch keinen Opferstatus habe. Höflichkeit habe für Konservative einfach nicht funktioniert, sagt Yiannopoulos nach dem Vortrag in seinem Tourbus. Der öffentliche Diskurs sei immer links gewesen, in den Medien, an den Unis, in Washington. Daher sei jetzt die Zeit angebrochen, gemeinsam ein paar Bomben zu werfen.

#Alt-Right dient als Sammelbecken für verstreute Rechte

Bislang war diese junge, rechte Generation in Chatrooms über das ganze Netz verstreut. Das Einzige, was sie zusammenhielt war das Hashtag "Alt-Right", Alternative Rechte, unter dem sie firmieren. An ihren äußeren Rändern finden sich eingefleischte Neonazis, daneben gibt es Gamer, die ihre eigene aggressiv-männliche Videospielekultur durch weibliche Gamer bedroht sehen. Einige können zu keiner Verschwörungstheorie Nein sagen, wiederum andere haben viel für Politikertypen wie Wladimir Putin übrig. Mit Breitbart haben sie jetzt eine gemeinsame Plattform gefunden, mit Yiannopoulos ihren Popstar und mit Trump ihren Kandidaten.

Yiannopoulos ist gebürtiger Engländer, er hat an den Universitäten in Manchester und in Cambridge Literatur studiert, das Studium jedoch abgebrochen. Danach hat er für englische Zeitungen über das Internet geschrieben. Doch mit seinen Ansichten zum Feminismus eckte er schnell an. Für Steve Bannon und Breitbart machte ihn das jedoch sehr interessant. Denn Bannons Mission ist es, das politische Establishment in Washington zu zerstören. Seine Seite ist seine Angriffswaffe dafür. 21 Millionen Besucher hat sie monatlich.