Die amerikanische Wahl ist eine amerikanische Angelegenheit. Ihr spektakuläres Ergebnis lässt sich aus den Verwerfungen erklären, die große Teile von Amerikas weißer Nochmehrheitsgesellschaft prägen: Rassismus, Frauenablehnung, Minderwertigkeitsgefühl. Dennoch stellt sich die Frage, warum diese Tendenzen, die ja bereits seit Langem mehr oder weniger im Verborgenen schlummerten, gerade bei dieser Wahl entscheidend wurden. Die illiberale Wende der Gegenwart lässt sich nur verstehen, wenn wir sie als Teil eines politischen Prozesses analysieren, der Amerika und Europa gemeinsam erfasst hat.

Der 9. November ist jetzt nicht mehr nur der Jahrestag des Mauerfalls in Berlin, sondern auch das Datum des Triumphes von Donald Trump. Auf den ersten Blick erscheint es wie ein tragischer Zufall, dass beide Ereignisse auf den gleichen Tag fallen. Doch bei genauerem Hinsehen lässt sich hier eine Geschichte erzählen, die vom Aufstieg und Fall der Ordnung von 1989 handelt und die uns hilft, das Wahlergebnis zu verstehen.

Nach dem Ende der Sowjetunion schien der Westen in der besten aller möglichen Welten angekommen zu sein. Der unaufhaltsame Siegeszug der westlichen Ordnung und ihrer liberalen Werte formte die Wahrnehmung der politischen und gesellschaftlichen Eliten. Wir waren uns sicher: The world is going our way. Dabei geriet alsbald aus dem Blick, dass der liberale Siegeszug – global, aber auch innerhalb der westlichen Gesellschaften selbst – viel fragiler war, als wir es uns eingestanden. Die hegelianische Illusion von der Unumkehrbarkeit der Liberalisierung versperrte uns den Blick.

Außenpolitisch wurde schon in den 1990er Jahren deutlich, dass China und Russland keineswegs den Weg in eine demokratische Zukunft antreten würden. Sie experimentierten stattdessen mit neuen, hybriden Ordnungen, die Elemente des globalen Kapitalismus mit Formen autoritärer Herrschaft kombinierten. China und der postsowjetische Raum waren die Orte, wo Alternativen zur liberalen Demokratie erprobt wurden. Wichtige Komponenten waren dabei ein starker Staat, der Kult nationaler Souveränität, die Betonung von Einheit anstelle von Pluralismus sowie Kontrolle und Mobilisierung mithilfe der Massenmedien. Herrschaft beruhte hier auf Repression, aber darüber hinaus konnte das Regime emotionale Bindungen anbieten, Stabilität versprechen und einfache Erklärungen für die Probleme einer komplexen modernen Welt präsentieren. Gegen den aufklärerisch-nüchternen Blick des Westens setzten sie den Stolz auf das Eigene, Empörung über andere und die Ermächtigung zur Vergeltung für vermeintliches Unrecht.

Innenpolitisch war der Westen nach 1989 mehr denn je dem Projekt einer offenen Gesellschaft verpflichtet. Individuelle Freiheiten und die Rechte der Minderheiten wurden gestärkt; soziale, kulturelle und wirtschaftliche Barrieren fielen in der globalisierten Welt. Die neuen Freiheiten versprachen zuvor kaum gekannte Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung für diejenigen, die sich auf dem transnationalen Parkett der liberalen Ordnung gekonnt zu bewegen vermochten. Der wirtschaftliche Ausdruck davon war die zügellose, neoliberal geprägte Globalisierung.


US-Präsidentschaftswahl - Erstes Treffen von Trump und Obama US-Präsident Barack Obama hat bei dem ersten Besuch von Donald Trump im Weißen Haus mit der Übergabe der Amtsgeschäfte an seinen Nachfolger begonnen. Über "wundervolle und schwierige Dinge" habe man geredet, sagte Trump. © Foto: Jim Watson/AFP/Getty Images