"Politisch sein bedeutet, auf schwindelerregende Weise frei zu sein", schrieb der amerikanische Philosoph Benjamin Barber. Nun haben diese USA, das Land der Freiheit, Donald Trump zu ihrem Präsidenten gewählt. Und der Welt ist schwindelig.

Trump hat schon mit seinem Wahlkampf den Korridor dessen gesprengt, was vorstellbar erschien. Welche Grenzen er nun überschreiten wird, ausgestattet mit dem mächtigsten Amt der Welt, weiß er wahrscheinlich nicht mal selbst. Ja, sein Wahlsieg ist eine Niederlage der liberalen Demokratie. Aber er ist auch ein Triumph des Politischen: Er löst das Versprechen ein, dass das Andere immer möglich ist.

Trumps Sieg ist ein Souveränitätserlebnis für alle, die ihn durch ihre Stimme möglich gemacht haben. Und er ist eine niederschmetternde Niederlage für alle, die dachten, mit ihrer Vorstellung von Politik, von Berechenbarkeit und liberalem Fortschritt, notwendigerweise auf der Siegerseite der Geschichte zu stehen. Diese Form von Politik ist nicht gestorben in dieser Nacht, aber sie liegt am Boden. Sie muss sich, wenn sie überleben will, selbst wieder mehr zutrauen.

Politisch zu sein, schrieb Barber weiter, heiße, "entscheiden zu müssen. Dann nämlich, wenn wir über keine apriorischen Entscheidungsgründe, göttlichen Machtsprüche oder reines Wissen verfügen". Es gibt keinen festen Grund: nichts Absolutes, an das wir uns halten und von dem wir ausgehen können. Alles ist immer prekär. Das ist das schwindelerregende Versprechen und die schwindelerregende Warnung, die von Trumps Sieg ausgehen. Und das ist es, was liberale Demokratien sich wieder eingestehen müssen, wenn sie überleben wollen. Erst, wenn sie ihre Macht erkennen und sich trauen, sie auch zu nutzen, können sie ihren Bürgern wieder jene Erfahrung von Souveränität ermöglichen, die das Kernversprechen der Demokratie ist.

In den vergangenen Jahren haben viel zu viele liberale Demokraten und ihre politischen Vertreter viel zu viel als gegeben angenommen. Sie haben sich erlaubt, "den eigenen Verzicht auf politische Gestaltung mit dem Fatalismus unbeeinflussbarer systemischer Gewalten zu rechtfertigen", wie Jürgen Habermas sagt.

Was ist damit gemeint? Und wie lässt es sich ändern?

Vor einigen Jahren sorgte in Deutschland ein Zitat von Angela Merkel für Aufregung. Die Kanzlerin sprach von der Notwendigkeit einer "marktkonformen Demokratie". Sie ordnete die Politik unter und degradierte sie zum Anhängsel des Marktes. Die Logik des Marktes wird in diesem Satz zu Habermas "unbeeinflussbarer systemischer Gewalt", zu Barbers "apriorischem Entscheidungsgrund", aus dem sich der Rest dann nur noch zu ergeben hat.

Schädlicher Klassismus

Man muss sich nicht an diesen einen Merkel-Satz klammern, um der Diagnose zuzustimmen. Märkte sind grenzenlos, demokratisch legitimierte Politik ist es nicht. Das führt zum Dilemma, dass der Einzelne von weltweiten ökonomischen Logiken erfasst wird, die er als politischer Souverän, vertreten durch sein Parlament und seine Regierung, nicht mehr kontrollieren kann. Die Folge ist ein chronisches Ohnmachtsgefühl.

Es geht hier ausdrücklich nicht nur um die konkreten ökonomischen Folgen der Globalisierung. Es waren eben nicht die Armen der USA, die Trump gewählt haben. Sie haben mehrheitlich für Clinton gestimmt. Wer trotzdem von einer Revolte der unteren Schichten spricht, macht sich des Klassismus schuldig.