Auf den ersten Blick ist die Lage in Wisconsin chaotisch: Es gibt angeblich statistische Anomalien in den Ergebnissen der US-Präsidentschaftswahl und Sorgen, Wahlcomputer könnten möglicherweise manipuliert worden sein. Ganze 22.177 Stimmen beträgt der Vorsprung von Donald Trump auf Hillary Clinton, in einem US-Bundesstaat, in dem seit 1984 kein republikanischer Präsidentschaftsbewerber mehr gewonnen hat. Doch ein Antrag auf Neuauszählung kostet rund eine Million Dollar, und wenn das Ergebnis nicht sehr bald feststeht, verfallen die Wahlmännerstimmen des Bundesstaates einfach komplett.

Auf den zweiten Blick – einen in die jüngere Geschichte von Wisconsin und in die gesetzlichen Vorschriften für eine Neuauszählung – ist das, was da gerade passiert, ganz normal und überwiegend streng geregelt.

2011 gab es schon einmal einen landesweiten recount in Wisconsin, damals ging es um einen Sitz am Obersten Gericht des Bundesstaates. Die erste Auszählung hatte einen Vorsprung von 7.316 Stimmen für einen Kandidaten ergeben, bei insgesamt rund 1,5 Millionen abgegebenen Stimmen. Die Neuauszählung, die mehr als einen Monat dauerte, ergab einen Unterschied von nur noch 7.004 Stimmen. Am Wahlausgang änderte das dementsprechend nichts. Aus den Erfahrungen von 2011 leiten sich nun die Erwartungen an den diesjährigen recount ab. Jetzt allerdings müssen doppelt so viele Stimmen neu gezählt werden, nämlich knapp drei Millionen – in der Hälfte der Zeit. 

US-Wahl - Jill Stein beantragt Neuauszählung in Wisconsin Die Grünen-Präsidentschaftskandidatin Jill Stein möchte das Wahlergebnis überprüfen lassen, nachdem Experten Unregelmäßigkeiten in drei Bundesstaaten festgestellt hatten. © Foto: Win McNamee/Getty Images

Grundlage ist ein 129 Jahre altes Gesetz

Denn das Bundesgesetz Electoral Count Act von 1887, kodifiziert im United States Code, besagt: Spätestens sechs Tage bevor die Wahlmänner zusammenkommen, um die Präsidentin oder den Präsidenten zu wählen, müssen Streitigkeiten um das Wahlergebnis der einzelnen Bundesstaaten geklärt sein. Die Stimmabgabe der Wahlmänner findet 41 Tage nach der Wahl statt. Das bedeutet, eine Neuauszählung muss 35 Tage nach der Wahl beendet sein – 41 minus 6.

Das entsprechende Datum in diesem Jahr ist der 13. Dezember. Bis dahin muss die erneute Auszählung in Wisconsin ein Ergebnis hervorgebracht haben. Andernfalls könnten die zehn Wahlmännerstimmen für diese Präsidentschaftswahl komplett entfallen. Trump hätte damit statt 306 nur noch 296 Wahlmännerstimmen, aber immer noch eine komfortable Mehrheit.

In Stein gemeißelt ist das Datum aber nicht. Der Wahlrechtsexperte Edward Foley von der Ohio State University sagt, der 41. Tag sei die eigentliche "harte Frist", erst dann seien die Wahlmännerstimmen zumindest in Gefahr. Theoretisch aber könnten die Wahlmänner ihre Stimmen auch noch bis zum 6. Januar an den US-Kongress senden, wenn der das Gesamtergebnis des Electoral College, also des Wahlmännerkollegiums bestätigt. Der Kongress hat laut Foley einen weiten Spielraum bei der Berücksichtigung der Stimmen.

Erstes Zwischenfazit: Die Neuauszählung sollte schnell gehen, aber wenn sie am 13. Dezember noch nicht beendet ist, sind die Wahlmännerstimmen aus Wisconsin nicht automatisch verloren.