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Liebe deutsche Leserinnen und Leser,

ein Gespenst geht um in der Politik – das Gespenst Big Data. Daten sind der Schlüssel zum Sieg – und sie fordern die Preisgabe der menschlichen Seele. Ich freue mich, hier die Gelegenheit zu haben, Ihnen dieses Thema näherzubringen.

Ironie hat, wie ich höre, in Deutschland einen schweren Stand, deshalb vorneweg der Hinweis: Dieser Artikel ist weder satirisch noch vorwitzig gemeint. Er repräsentiert ausdrücklich nur die Meinung eines echten US-amerikanischen Politikberaters auf der Zielgeraden eines auf Provokation angelegten und sich endlos hinziehenden Wahlkampfs.

Daten machen alles kaputt. Daten opfern die Inspiration dem bloßen Wachstum. Daten befördern Abwärtsspiralen. Daten sind die Walnüsse auf dem politischen Brownie.

Diese Ansicht fällt im Verständnis vieler vermutlich zwischen aufmüpfig und modisch, will heißen, sie ist nicht gerade populär. Big Data wird in den USA meist ins Feld geführt, um den Unterschied zwischen einem Spitzenwahlkampfteam und so etwas wie der Remain-Kampagne in Großbritannien zu verdeutlichen.

Ich weiß natürlich, dass Daten und Zahlen, genauso wie Blattgemüse, gut für uns sind. Sie sind die Währung der Transparenz, und Transparenz ist naturgemäß sinnvoll. Ein geflügeltes Wort des einstigen Richters am Obersten Gerichtshof, Louis Brandeis, lautet: "Sonnenlicht ist das beste Desinfektionsmittel."

Als einer, der sein Geld damit verdient, Politikern mit einer Kamera hinterherzulaufen, kenne ich mich damit aus. Die Obama-Regierung, für die ich gearbeitet habe, darf sich zu Recht die transparenteste in der Geschichte der Vereinigten Staaten nennen. Unter data.gov veröffentlicht sie haufenweise schillernde Daten und Zahlen, die ungemein wichtig und nützlich für die Bürger sind.

Und doch kann ich als Kulturschaffender, der als Videofilmer und digitaler Kreativchef für Präsident Obama und Senator Bernie Sanders gearbeitet hat, sagen, dass es in beiden Fällen weder Daten noch Zahlen waren, die sie ins gesellschaftliche Herz der USA katapultierten und die ihnen tonnenweise Wählerstimmen verschafft haben. Im Vordergrund ihres Wahlkampfs standen ihre Botschaften und die authentische Art, mit der sie diese vermittelten.

Erst in diesem Wahlkampf, diesem Fußballspiel der Demokratie, zeigt sich, wie menschliche Schwächen solche Bemühungen zum Scheitern bringen.

Daten sind kontrollierbar und manipulierbar

Sanders war ein Kandidat, der sich der üblichen Datenaufbereitung besonders widersetzte. Er wollte, dass seine Videos länger waren, die Grafiken mehr Wörter enthielten – all das, was digitale Profis für vollkommen falsch halten. Aber wie gut sind die Daten, die digitale Profis bekommen? Keine Ahnung, lautet meine nicht datengetriebene Antwort.

Große Datenmengen, die das Herzblut eines jeden Wahlkampfes sind, werden nämlich von zu vielen privaten Unternehmen kontrolliert. Nun sind solche Firmen (noch) nicht dasselbe wie die Menschen in den USA, aber sie haben dieselben Schwächen.

Vor Kurzem musste Facebook eingestehen, dass es Zahlen geschönt hatte. Nichts Weltbewegendes, es war nicht halb so peinlich wie Euer Volkswagen-Skandal. Aber Facebook hat halt wieder einmal ein Problem später als Feature ausgegeben. Um es kurz und freundlich zu formulieren: Facebook zählte Interaktionen, die eigentlich nur der Versuch der Nutzer waren, über ein bestimmtes Video hinüberzuscrollen, als Abruf des jeweiligen Videos. So erhöhte sich die Zahl der Views erheblich.  

Das Tragische daran war dann aber die falsche Auswertung der so fabrizierten Daten. Denn da diese unfreiwilligen Abrufe alle ohne Ton erfolgten, entstand der irrige Eindruck, dass ungeheuer viele Menschen Videos lieber ohne Ton sehen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, als Kommunikationsprofi mache ich das vor allem während nervtötender Telefonkonferenzen auch so.

Doch die schrägen Daten hatten auf einmal auch schräge Videoformate zur Folge. Die mittlerweile weit verbreiteten, merkwürdig stummen Videos, deren Bildflächen von riesigen Wörtern verdeckt werden, sind mehr als ein Trend. Sie sind allgegenwärtig, sie dominieren alles.

Und sie setzen sich über alles hinweg, was uns 100 Jahre Filmgeschichte gelehrt haben. (Fürs Protokoll: Selbstverständlich ist das ein Segen für die vielen Hörgeschädigten, die früher auf wenig verlässliche, maschinell erzeugte Untertitelungen bei Facebook oder YouTube zurückgreifen mussten.)