Haben Lügen auf Facebook die US-Wahl entschieden? Werden sie künftig Wahlen entscheiden? Auch zwei Wochen danach diskutieren Journalisten und Intellektuelle die Schuldfrage. Selbst Angela Merkel hat am Mittwoch in ihrer Regierungserklärung vor diesem Phänomen gewarnt. Dabei geht es in Wahrheit gar nicht um die Schuld-, sondern um die Machtfrage in der Mediendemokratie. In den USA und allen anderen westlichen Demokratien gilt: Wer die Themen in der öffentlichen Debatte bestimmt, entscheidet nicht nur, worüber diskutiert wird, sondern oft auch mit darüber, welche Politik gemacht wird.

Inzwischen zeigen erstaunlich viele Finger auf Facebook. Das Soziale Netzwerk sei zum Wahlhelfer von Donald Trump geworden, seit es sich in eine Plattform voller Lügen verwandelt habe. Tatsächlich hatten sich die größten Unwahrheiten über die Wahl innerhalb von Facebook besser und schneller verbreitet als journalistische Artikel – und die meisten Lügen wirkten zugunsten von Trump: "Papst schockt die Welt, befürwortet Präsidentschaft von Trump, Pressemitteilung folgt" war die Top-Lügen-Geschichte in den Wochen vor der Wahl, gleich gefolgt von "Wikileaks bestätigt: Hillary hat Waffen an den IS verkauft…". Das könnte sogar den Ausschlag bei der Wahl gegeben haben, schreiben Autoren im New York Magazine, der Financial Times, dem Internetportal The Intercept – und mehrere deutsche Medien. Selbst der Direktor des angesehenen Nieman Lab für Journalismusforschung an der Universität Harvard, Joshua Benton, macht das Soziale Netzwerk mitverantwortlich für den Ausgang der Wahl. Facebook sei "die größte Schwachstelle, wenn es darum geht, die Bürger politisch zu informieren."

Das ist eine starke These. Doch aktuelle Untersuchungen zum Medienkonsum der Amerikaner legen etwas anderes nahe. Diesen Zahlen zufolge war Facebook nicht unwichtig. Aber es war und ist nicht mal annähernd die wichtigste Informationsquelle in den USA. Wird es vielleicht mal. Bei der nächsten Wahl. Oder der danach.

Die schreibenden Journalisten haben verloren

Das entscheidende Medium in diesem Herbst war eindeutig ein anderes: das Fernsehen. Das anzuerkennen ist eine Voraussetzung dafür, eine sinnvolle Facebook-Lügen-Debatte zu führen. Genauso eindeutig ist, wer die publizistische Auseinandersetzung vor der US-Wahl verloren hat. Es sind die schreibenden Journalisten, die Redakteure von Zeitungen und digitalen Nachrichtenportalen. Nicht nur liberale Häuser wie New York Times und New Yorker haben sich für Hillary Clinton ausgesprochen. Erstmals in ihrer Geschichte hat auch USA Today eine Empfehlung abgegeben: für Clinton. Sogar zutiefst konservative Zeitungen, die praktisch noch nie einen demokratischen Präsidentschaftsbewerber unterstützt haben, waren für die Demokratin: vom Cincinnati Enquirer über die Arizona Republic und die Dallas Morning News bis zum Columbus Dispatch.

Praktisch eine ganze Mediengattung hat sich auf eine Seite geschlagen, so etwas hat es in den USA noch nie gegeben. Die Autoren waren damit durchaus bei der Mehrheit ihrer Leser, weil die führenden Verlage nun mal an der Ost- und der Westküste des Landes sitzen, dort, wo die Mehrheit für Clinton gestimmt hat. In der Mitte des Landes hingegen und jenseits der großen Städte, überall dort also, wo Donald Trump gewonnen hat, ist der schreibende Journalismus eine vom aussterben bedrohte Art. Zur politischen und regionalen Spaltung des Landes kommt eine mediale. Es gibt, grob gesagt, ein Amerika mit schreibenden Journalisten – und ein Amerika ohne.

Die meisten Amerikaner informieren sich im TV

In Deutschland nehmen wir vor allem den schreibenden US-Journalismus wahr, auch deshalb kam der Wahlsieg von Donald Trump hier für viele so überraschend. Aber in den USA informieren sich gerade mal zwei von zehn Amerikanern regelmäßig in gedruckten Zeitungen, immerhin drei von zehn in Nachrichtenapps und auf Nachrichtenportalen.

Um wie viel stärker steht im Vergleich dazu aber das Fernsehen da. Die Glotze, nicht Facebook, ist die wichtigste mediale Plattform im US-Wahlkampf gewesen. 57 Prozent der Amerikaner gaben in diesem Sommer an, das Fernsehen sei weiterhin ihre mit Abstand wichtigste Quelle für politische Nachrichten. Die Umfrage stammt von der Pew Foundation, einem liberalen Thinktank, und listet die nächsten Wettbewerber mit weitem Abstand auf: die digitalen Angebote der Verlage, das Radio, gedruckte Zeitungen – und, ganz am Ende, geben 18 Prozent an, Soziale Medien seien eine wichtige Nachrichtenquelle für sie, und das heißt dann meistens Facebook.