Das Problem ist: Perspektivisch gilt das nicht. Digitale Nachrichtenportale und Soziale Netzwerke sind unter den Jugendlichen und jungen Erwachsenen längst die Informationsquelle Nummer eins. Noch entspricht ihr Medienkonsum nicht dem der politischen Mehrheit, aber das ist nur eine Frage der Zeit. Und aus der Sicht der Jungen sind die erfunden Nachrichten-Storys schon jetzt ins Zentrum ihrer Medienöffentlichkeit vorgedrungen.

Beispielhaft dafür steht eine Falschmeldung von Breitbart.com, die sich derzeit verbreitet. Sie ist von einer manipulierten Landkarte gekrönt und besagt, Donald Trump habe im gesamten Inland die Mehrheit der Stimmen bekommen, nicht nur die Mehrheit der Wahlmänner. Das stimmt nachweislich nicht. Trotzdem wurden die Karte über Zehntausend Mal auf Facebook geteilt. Trotz einer öffentlichen Debatte darüber und trotz mehrerer Hinweise an das Soziale Netzwerk, dass es sich um eine Falschmeldung handelt, ist die Karte weiterhin zu finden, beispielsweise hier. Man stelle sich vor, die Mehrheit in den USA würde das irgendwann glauben.

Selbst Mark Zuckerberg musste sich äußern

Die Debatte um erfundene, manipulierte Nachrichten wird inzwischen so laut geführt, dass sich der Gründer und Chef von Facebook, Mark Zuckerberg, in einem offenen Brief dazu äußerte. Zuckerberg kündigte an, Facebook wolle Fake News besser identifizieren und von Nutzern markieren  lassen. Aber im Zweifel, das stellte er auch klar, ist ihm die Redefreiheit wichtiger. Und Recht hat er, wenn er sagt, es sei manchmal schwer, Lügen von politisch einseitigen Kommentaren zu unterscheiden.

Im Fall der manipulierten Landkarte von Breitbart ist es allerdings nicht schwer. Und es ist auch nicht schwer, jene Internetseiten zu identifizieren, die ausschließlich emotionalisierende Lügentexte erfinden, die auf Facebook verbreiten und damit Nutzer auf die erfunden, von Werbung umgebenen Texte locken. Diese, auf Lügen aufbauende Geschäftsmodelle kann Facebook ohne weiteres blockieren. Wenn es das will.

Fake News werden aber auch dann nicht vollständig verschwinden. Der Anreiz, viele Menschen zu erreichen und die öffentliche Debatte zu manipulieren, ist zu groß. Und die westlichen Gesellschaften kehren damit zu einem Zustand zurück, der im vergangenen Jahrhundert über weite Strecken normal war. Die politischen Parteien und Lager hatten ihre eigenen Medienöffentlichkeiten, politische Lügen waren an der Tagesordnung und aufklärerischer Journalismus ein steter Kampf gegen dieselben. Der nimmt nun wieder an Härte zu, und er war und ist ein nie endendes Ringen. 

Es ist höchste Zeit, eine Facebook-Debatte zu führen

Wie schwer es darüber hinaus ist, eine sinnvolle politische Regulierung gegen Grenzüberschreitungen innerhalb von Facebook zu finden, ist seit langer Zeit an der Debatte über Hassreden auf der Plattform zu beobachten. Im Kampf gegen Fake News könnte es aber vielleicht einen Weg geben: wenn man Facebook als Medienunternehmen definieren und die Medienregulierung auf das Unternehmen anwenden würde – und es nicht mehr nur als Infrastruktur-Anbieter einstufte. Das wäre ein Schritt, der für Facebook sehr ungemütlich würde. Bisher muss sich das Soziale Netzwerk  nur sehr eingeschränkt darum kümmern, welche Inhalte auf der Plattform zulässig sind. Einige eindeutige Straftatbestände beachtet Facebook konsequent, aber im Alltag von Beleidigung und Lüge entscheidet das Unternehmen frei nach seinen Community Standards, die es sich selbst gegeben hat und die von mehreren hundert Mitarbeitern ausgelegt werden. Was man immer dazu sagen muss: Facebook tut hier mehr und hilft seinen Nutzern schneller als es andere Plattformen tun. Facebook ist hier aktiver als beispielsweise das Videoportal YouTube, das zu Google gehört.

Würde Facebook künftig jedoch als Medienunternehmen definiert, wäre es nicht mehr nur fallweise, sondern immer für die Inhalte auf der Plattform verantwortlich. Inwieweit ein Unternehmen mit fast zwei Milliarden aktiven Nutzern so etwas leisten kann und wie viel von seinen Milliardengewinnen es dafür investieren müsste, darüber ist immer wieder mal diskutiert worden. Jetzt, nach dieser US-Wahl, ist es an der Zeit, die Debatte neu zu beleben.

Korrekturhinweis: Die Angabe, dass das Nieman Lab sich an der britischen Universität Oxford befindet, war nicht korrekt und wurde geändert. Das Nieman Lab ist ein Projekt an der US-Universität Harvard. Die Redaktion.