Wer den Aufstieg der Rechtspopulisten in Österreich verstehen will, kommt an Paul Stadler nicht vorbei. Stadler ist seit einem Jahr Bezirksvorsteher des Viertels Wien-Simmering. Er ist nicht nur der erste FPÖ-Kommunalpolitiker, der ein solches Amt erobert hat – Simmering, der Arbeiterstadtteil im Südosten Wiens, war über 70 Jahre das Stammland der Sozialdemokraten, die hier mit satten Mehrheiten regierten. Als der Bezirk an die Freiheitlichen fiel, war das ein kleines Erdbeben.

Stadlers Büro gehörte bis vor 14 Monaten den Sozialdemokraten. An der Wand hängt ein Satellitenbild seines Stadtviertels. Stadler kann darauf das Haus zeigen, in dem er geboren wurde, die Industriegebiete, die Müllverbrennungsanlage, die Autobahn, das Klärwerk, das Krematorium und den Zentralfriedhof. Postkartenmotive hat er keine zu verwalten in seinem Bezirk. Angesprochen auf seinen Erfolg, wie er den Roten den Stadtteil abluchsen konnte, gibt sich Stadler bescheiden: "Wir sind halt nicht so abgehoben wie die Sozis. Hier geht es nicht um Migration oder Millionensubventionen", sagt er. "Es geht um Zebrastreifen, Kindergärten und Nahverkehr. Wir wollten den Leuten einfach wieder zuhören."

Wenn Stadler über Kindergärten und Zebrastreifen spricht, klingt er wie die Sorte engagierter Lokalpolitiker, die es überall gibt. In Deutschland könnte er auch in der CSU sein oder ein SPD-Parteibuch haben. Als Anwohner sich darüber beschwerten, dass die Müllabfuhr morgens um 2 Uhr immer geräuschvoll einen Mülleimer leerte und auf offiziellem Weg daran nichts zu ändern war, da schnappte Stadler sich einen Schraubenzieher und hängte den Eimer eigenhändig vom Vorplatz eines U-Bahnhofs in den Bahnhof selbst. Lärm gebannt, Problem gelöst. Durchaus überzeugend gibt er sich volksnah und undogmatisch: "Die SPÖ hat ja nicht alles schlecht gemacht. Ich arbeite auch gut mit Sozialdemokraten zusammen", betont er. Mehr durch Zufall sei er damals bei der FPÖ gelandet. Und Jörg Haider, na ja, der habe sich seine Aussetzer ja nur geleistet, um in den Medien zitiert zu werden.

Also doch: die Ausländer

Ein paar Stunden später, es ist schon kalt geworden, steht Stadler vor einem gesichtslosen Einkaufsklotz auf einer Hauptstraße. Seit gut zehn Monaten ist Österreich im Wahlkampfmodus, trotzdem schwirren unverdrossen zehn Männer und Frauen in blauen Jacken zwischen den Passanten umher und verteilen Kugelschreiber und Feuerzeuge. Zwischen ihnen plaudert Stadtler mit Bürgern und posiert für Selfies. Er ist ein gefragter Mann und, das merkt man, auf der Straße in seinem Element.

Frauen mit Kopftüchern schieben Kinderwagen vorbei, Jugendliche mit Baseballmützen mampfen aus den Tüten eines Schnellimbisses. Pendler in Anzug und Blaumann drängen aus den Türen der Straßenbahnen. Stadler nimmt sich Zeit, nickt und hört zu. Auch als ihm eine alte Frau von ihren Alltagssorgen berichtet, dem Müll auf der Straße. Sie wird am Sonntag für die FPÖ stimmen. "Wir haben doch schon alle anderen Parteien probiert. Nichts geht voran", meint sie. "Die FPÖ hört wenigstens zu." Marek, ein junger Mann mit breitem Kreuz, Bürstenschnitt und Trainingshose, blättert in der Parteizeitung. Seine Eltern kamen während der Balkankriege nach Wien. Er will FPÖ wählen, "weil sich sonst keiner traut, die Probleme des Landes anzusprechen". Welche Probleme? "Steuern, Wohnungsbau, Gesundheit, Ausländer …"

Österreich - "Wir brauchen diese Wahl nicht" Der längste Wahlkampf in der Geschichte Österreichs geht zu Ende. Wie beurteilen Wiener Bürger die Stimmung im Land? © Foto: ZEIT ONLINE