Tausende Tote, Zehntausende Verletzte hat der erbarmungslose Kampf um die Millionenstadt im Norden Syrien schon gekostet. Zehntausende sind auf der Flucht. Syrisch-schiitische und iranische Milizen aufseiten des Herrschers Baschar al-Assad haben über 250.000 Menschen im Osten der Stadt eingekesselt. Russische und syrische Bomber fliegen über der Stadt. Der UN-Sonderbeauftragte für Syrien, Staffan de Mistura, hat die Weltgemeinschaft aufgefordert, "ein anderes Srebrenica, ein anderes Ruanda zu verhindern". Er befürchtet einen Völkermord, so wie Serben ihn 1995 an muslimischen Bosniaken in Ostbosnien oder Hutus an Tutsis in Ruanda 1993 verübt haben.

Doch es ist nicht zu erwarten, dass noch ein Staat oder ein Staatenbündnis eingreift, um den Kessel von Aleppo zu öffnen. Auf dem OSZE-Außenministertreffen in Hamburg hat Frank-Walter Steinmeier eine "sofortige humanitäre Waffenruhe" gefordert. Vielleicht lässt sich Russland für ein paar Stunden darauf ein. Aber dann wird weitergekämpft. Das hat Baschar al-Assad klargemacht, der diese Woche sagte, sein Rückeroberungskrieg würde auch nach dem Fall von Aleppo weitergehen. Niemand kann den Mann stoppen, außer Russland und der Iran. Und die wollen nicht.

Die Entscheidungen für einen erbarmungslosen Krieg bis zum bitteren Ende sind schon lange zuvor gefallen. Damals, als US-Präsident Barack Obama 2012 sich gegen den Rat seiner Entourage entschied, keine Flugverbotszone über den von der Opposition gehaltenen Gebieten Syriens einzurichten. Damals, als Baschar al-Assad feststellte, dass die "rote Linie" Obamas im Fall des Einsatzes von Giftgas weder rot noch eine Linie für irgendetwas war. Damals, als Wladimir Putin im September 2015 die große russische Offensive an der Seite von Assad startete. Das Kräfteverhältnis in Syrien spricht für die Allianz Assad-Putin-Ajatollah Chamenei.

Entsprechend wird der Krieg geführt. Die Bilder, die wir aus Aleppo und anderen Städten Syriens sehen, erinnern uns nicht an Bagdad 2003, wo sich die Amerikaner mit ihren grotesken "Präzisionsschlägen" brüsteten. Auch nicht an Belgrad 1999, wo die Nato militärische Ziele angriff, aber die zivilen Schäden vergleichsweise sehr gering waren. Die Aufnahmen aus Aleppo erinnern an den Zweiten Weltkrieg, an Flächenbombardements, an die systematische Zerstörung vor allem der Wohnhäuser, Krankenhäuser und Schulen, an die Vernichtung der Stadt an sich. Für die Bevölkerung von Ost-Aleppo fühlt es sich an wie die Rückkehr des totalen Krieges aus einer längst vergangenen apokalyptischen Zeit.

Aufschluss über die Ziele dieses Krieges gibt das zynische Spiel um die Hilfskonvois. Baschar al-Assad und seine Verbündeten halten die Korridore in die Stadt für Hilfskonvois geschlossen. Und wenn sie mal für ein paar Stunden geöffnet werden, dann ist die Lage so unsicher, dass sich niemand traut zu fahren. Denn vor einigen Wochen wurden Konvois aus der Luft zerstört. Aber die syrisch-schiitischen Milizen rufen die Sunniten in der Stadt auf, zu gehen. Sie lassen die Sunniten wissen, dass sie nach der Eroberung mit Verhaftungslisten von Haus zu Haus gehen werden. Die Botschaft: "Haut ab!" Dafür öffnen sie die Korridore.

Es geht nicht in erster Linie um Terroristen, Islamisten oder Opposition. Es geht um die Menschen, die in dieser Stadt keine Zukunft mehr haben sollen. Weil sie in Stadtteilen lebten, wo die Opposition regierte. Weil sie in den Augen des Regimes nicht mehr zuverlässig sind. Deshalb brennen die Schulen und Krankenhäuser.

Was ist zu tun? Eine militärische Aktion gegen die Allianz Assad-Putin-Chamenei ist nicht in Sicht. Russland blockiert im Sicherheitsrat jede Entscheidung gegen Assad. Also bleibt nur helfen, helfen, helfen wo es geht. Flüchtlingshilfe aufstocken, so wie Deutschland es gerade wieder getan hat. Humanitäre Hilfe liefern, wo immer möglich. Flüchtlinge aufnehmen. Flüchtlinge nicht sofort verdächtigen, sexistisch, kriminell oder terroristisch zu sein. Flüchtlinge als Menschen sehen, die dieser Hölle entkommen sind.  

Für die Zukunft gibt es noch eine Aufgabe. Es geht um Gerechtigkeit für die Menschen von Aleppo, Homs, Idlib und anderen Städten Syriens. Wichtige UN-Mitglieder fordern die Einrichtung eines UN-Sonderermittlers über die Verbrechen in Syrien. Über 200 angesehene NGOs aus der ganzen Welt haben die UN-Vollversammlung zu einer Sondersitzung aufgefordert. Es geht jetzt um Dokumentation, Belege, Beweise, Zeugnisse. Um die präzise, vollständige Erfassung der Verbrechen. Wenn die Welt Aleppo schon nicht schützen kann, muss sie alles dafür tun, dass das Leiden niemals vergessen wird. Und die Täter auch nicht.