Wenn man es genau nimmt, dann ist die internationale Gemeinschaft derzeit vor allem damit beschäftigt, den reibungslosen Ablauf eines Verbrechens zu organisieren. Denn was in diesen Tagen immer wieder hoffnungsvoll die Evakuierung Ost-Aleppos genannt wird, ist nichts anderes als eine gewaltsame Vertreibung. Angesichts dessen, was das syrische Regime, russische Bomben und iranisch gelenkte Milizen der Zivilbevölkerung nicht nur dort, sondern auch anderswo in Syrien angetan haben, mag dieser Vorwurf verblassen. Doch er trifft im Kern die Ohnmacht, die im System steckt – und die zugleich so bequem ist.

Auf dem Papier der jüngsten Resolution des UN-Sicherheitsrats, die ausnahmsweise nicht an der Blockade der Kriegspartei Russland scheiterte, klingt doch alles so positiv. Demnach sollen UN-Beobachter nach Ost-Aleppo entsandt werden, die eben die sichere "Evakuierung" überwachen und dringend benötigte humanitäre Hilfe möglich machen sollen. Der französische UN-Botschafter François Delattre ging bereits nach den stundenlangen Verhandlungen am Sonntag so weit zu sagen, nun habe man Werkzeuge in der Hand, mit denen eine Situation verhindert werden könne, "in der nach dem Ende militärischer Operationen Streitkräfte einschließlich Milizen massenhaft Grausamkeiten verüben".

Den Optimismus möchte man gern teilen. Doch was ist dieser Zugang von Russlands Gnaden und des von ihm mit aller Brutalität am Leben gehaltenen Regimes wert? Natürlich haben die Menschen in Ost-Aleppo keine andere Chance. Es ist erst einmal unerheblich, dass unter ihnen auch einige finstere Islamisten zu finden sind, die alles andere als heldenhafte Beschützer sind. Es geht auch nicht darum, zu verschweigen, dass durch deren Raketenbeschuss im Westteil der Stadt ebenfalls Zivilisten getötet wurden, oder darum, die kaum weniger zimperlichen oppositionellen Belagerer in Fua oder Kefraja moralisch reinzuwaschen. Die Dimension des gnadenlosen Ermüdungs- und Vernichtungskriegs, den Assad und Putin gegen die abtrünnige syrische Bevölkerung führen, ist eine ganz andere. In Aleppo wie anderswo unterscheiden sie nicht zwischen Kämpfern und Zivilisten. Die Formel: Ergebt euch (wahlweise: flieht), oder ihr werdet vernichtet – sie gilt für alle. Denn für dieses Regime und seine Waffenbrüder sind alle Terroristen, die nicht auf ihrer Seite stehen.

Kriegsverbrechen haben keine Konsequenzen

Die Ohnmacht, dieses Morden und Vertreiben nicht verhindern, ja kaum eindämmen zu können, lässt sich durchaus bei den Vereinten Nationen verorten. Wie soll man dort auch irgendetwas zustande bringen, das den Menschen in Syrien Hoffnung gibt, wenn insbesondere Russland jede Handlungsfähigkeit blockiert. In der Tat ist diese Situation bizarr: Russland bombardiert Assad ein Rumpfsyrien zusammen, dessen Kontrolle noch halbwegs nützlich erscheint, der Rest ist dem Tod geweiht. Und währenddessen gibt ebendieses Russland auf der diplomatischen Weltbühne, deren vornehmstes Theater der UN-Sicherheitsrat ist, den besorgten Humanisten. Wer dieses Spiel noch nicht verstanden hat, macht sich selbst etwas vor.

Aber genau das tun all jene, die noch ernsthaft glauben, aus diesem teuflischen Kreislauf gebe es einen Ausweg ohne Schrecken. Der Fall von Aleppo hat nur noch einmal zementiert, was schon lange die bittere Wahrheit ist: Die Kriegsverbrechen in Syrien haben für die Täter in Damaskus, Moskau und Teheran keine Konsequenzen. Der Westen hält derweil die Moral hoch und klagt über die menschliche Tragödie, sieht aber keine Möglichkeit, sie zu beenden. Dabei ist es kein Wunder, dass alles diplomatische Ringen keine nennenswerten Auswirkungen hat, wenn niemand bereit ist, etwas mehr zu tun, als bloß zu reden. Den USA hätte man an der Spitze der freien Welt noch am ehesten zugetraut, auch ohne UN-Mandat den Schlächtern etwas entgegenzusetzen oder wenigstens Schutz und Hilfe für die Zivilbevölkerung in Teilen des Landes zu erzwingen. Doch deren erstes und eigentlich einziges Interesse galt immer dem Kampf gegen den "Islamischen Staat", Obamas rote Linien sind längst im syrischen Staub verblasst, und sein Nachfolger Donald Trump wird keine neuen ziehen.

Und so bleibt es bei der Ohnmacht, die sich so leicht auf die UN schieben lässt. Der Sicherheitsrat jedenfalls – und das wissen alle – bietet Russland einmal mehr die Plattform, behaupten zu können, man habe das "Wohlergehen der Zivilisten" im Sinn. Die Verhandlungen über das Ende der Kämpfe in Aleppo führten derweil Damaskus, Moskau, Teheran und Ankara. Sie bestimmen über das Schicksal Syriens. Die Entsendung von Beobachtern ist vor diesem Hintergrund nicht etwa der große Durchbruch zur Rettung unschuldiger Leben, für den sich irgendjemand feiern dürfte. Es ist nicht mehr als ein von Russland erbettelter Gnadenakt, wenn daraus überhaupt eine Veränderung des Kriegsgeschehens folgt oder die "Evakuierung" nicht ohnehin schon vorbei ist. Wahrscheinlicher ist, dass dies eine Episode bleibt und das große Verbrechen an anderer Stelle in Syrien, etwa in Idlib, seine Fortsetzung findet – wer sollte es verhindern?