Angesichts steigender Zahlen von Toten und Flüchtlingen im nordsyrischen Aleppo haben UN-Vertreter ihre Warnungen verschärft. Ohne Gegenmaßnahmen könne sich die umkämpfte Großstadt in "einen gigantischen Friedhof" verwandeln, sagte UN-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien in einer kurzfristig einberufenen Sitzung des Sicherheitsrats. Der Sonderbeauftragte für Syrien, Staffan de Mistura, sprach angesichts verstärkter Luftangriffe auf den Ostteil der Metropole von einer humanitären Tragödie, die sich verschlimmere.

Vertreter mehrere Länder forderten im Sicherheitsrat erfolglos, für humanitäre Hilfe eine zehntägige Feuerpause durchzusetzen. Zivilisten müssten umgehend eine Pause vom Bombenhagel bekommen, sagte etwa Großbritanniens UN-Botschafter Matthew Rycroft.

Sein russischer Amtskollege Witali Tschurkin sagte dagegen, dass der Westen solche humanitären Fragen nur als Vorwand nutze, um seine politische Agenda für einen Regimewechsel in Syrien voranzutreiben. "Ohne unsere Sorgen zu berücksichtigen, wird keine Resolution verabschiedet werden", sagte Tschurkin. Vertreter mehrerer Länder machten Russland allein für die Unfähigkeit des Rats verantwortlich, die Gewalt in Aleppo zu stoppen. Russland ist in dem Bürgerkrieg Verbündeter des Regimes von Präsident Baschar al-Assad.

Die neben Damaskus größte Stadt des Landes gehört zu den am stärksten umkämpften Gebieten im fast sechs Jahre dauernden Bürgerkrieg. Wegen Kämpfen in den Rebellenvierteln und Luftangriffen wurden allein in den vergangenen Tagen fast 70.000 Menschen vertrieben, wie die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete. Einwohner berichteten, unter den Menschen herrschten Panik und Verzweiflung.

Vor der aktuellen Offensive lebten nach Schätzungen der Vereinten Nationen rund 250.000 Menschen in den Rebellengebieten im Osten der Stadt. Nach Angaben der Menschenrechtler suchten in den vergangenen Tagen mehr als 30.000 Zivilisten in Gebieten unter Kontrolle kurdischer Einheiten Zuflucht, etwa 20.000 in Vierteln des Regimes. Mehr als 15.000 Zivilisten seien zudem in andere Rebellenviertel im Südosten Aleppos geflohen, sagte der Leiter der Menschenrechtler, Rami Abdel Rahman.

Syrien - Rebellen verlieren vorerst Kontrolle über Ost-Aleppo Soldatentruppen von Machthaber Assad haben den Nordosten der syrischen Metropole erobert. Dort leben der UN zufolge 275.000 Menschen unter „entsetzlichen Bedingungen". © Foto: Sana Sana/Reuters