Trotz der am Dienstag verkündeten Waffenruhe und dem versprochenen Abzug von Rebellen und Zivilisten hat die syrische Armee ihre Kämpfe in Ost-Aleppo wieder aufgenommen. Das berichten die russische Armee, die türkische Regierung, Aktivisten sowie Augenzeugen im Ostteil der Stadt. Die Busse, die die Menschen aus der Stadt hätten bringen sollen, fuhren nach dem Beginn der Kämpfe zurück in die Depots.

Unter den Beobachtern ist auch der freie Journalist Zouhir al-Shimale, der für ZEIT ONLINE seit Monaten aus der belagerten Stadt berichtet, etwa in der Serie E-Mail aus Aleppo. "Die Menschen sind sehr verwirrt", schreibt er auf Twitter und berichtet in weiteren Tweets unter anderem vom Beschuss durch Clusterbomben.

Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte haben Truppen von Syriens Machthaber Baschar al-Assad mindestens 14 Granaten in die noch von den Rebellen gehaltenen Straßenzüge abgeschossen. "Es sieht so aus, als ob alles zu Ende ist", sagt der Chef der in Großbritannien ansässigen Beobachter, Rami Abdulrahman. In Ost-Aleppo werde heftig gekämpft, es gebe massiven Artilleriebeschuss und Feuergefechte.

Die russische Armee macht die Rebellen für die erneuten Kämpfe verantwortlich. Die syrischen Truppen hätten deren Angriffe abgewehrt und die "Befreiungseinsätze verlängert". Die Aufständischen hätten im Morgengrauen "die Waffenruhe ausgenutzt", um ihre Kräfte zu bündeln und die Linien der syrischen Regierungseinheiten im Nordwesten Aleppos zu durchbrechen. Des Weiteren gibt es Berichte darüber, dass Rebellen von ihnen besetzte Dörfer in der Region Idlib angegriffen hätten.

Die Türkei wiederum bezichtigt die syrische Regierung und die mit ihr verbündeten Milizen, die vereinbarte Waffenruhe zu hintertreiben. "Wir sehen jetzt, dass das Regime und manche Gruppen versuchen, sie zu verhindern", sagte Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu. Syrischen Oppositionsgruppen zufolge würden iranische Kämpfer und Milizen der Hisbollah auf vier Bezirke feuern, die noch unter Kontrolle der Aufständischen stehen.

Iranische Milizen sollen Waffenruhe hintergehen

"Es ist klar, dass die Russen den Iran nicht dazu bringen können, sich an den Deal zu halten", zitiert die Nachrichtenagentur AP einen Vertreter der Opposition. Knapp 1.000 aus Aleppo herausgebrachte Menschen werden dem türkischen Roten Halbmond zufolge an einem Kontrollpunkt der iranischen Miliz festgehalten, nachdem sie den russischen Kontrollpunkt passiert hatten, sagt der Chef der Hilfsorganisation, Kerem Kinik.

Nach Angaben syrischer Rebellen und eines Vertreters der Vereinten Nationen stellt auch der Iran Bedingungen für eine Waffenruhe und einen Abzug der Aufständischen. Dazu gehörten die Bergung der sterblichen Überreste von in Aleppo getöteten Iranern sowie die Freilassung iranischer Geiseln im von der syrischen Opposition kontrollierten Idlib. Der türkische Minister Çavuşoğlu sprach von "Störfeuern aus verschiedenen Richtungen", die auch für die Verzögerungen bei der Evakuierung der östlichen Stadtteile verantwortlich sind. Noch am Mittwoch werde er mit Russland und dem Iran darüber sprechen.

Bundesregierung kritisiert Russland

Die Bundesregierung macht Russland mitverantwortlich für die Zerstörung Ost-Aleppos und die verzweifelte Lage der Menschen dort. Das alles wäre ohne russische Unterstützung nicht möglich gewesen, sagt Regierungssprecher Steffen Seibert. Die Angriffe auf die Zivilbevölkerung müssten sofort eingestellt und Hilfslieferungen ermöglicht werden. Er kritisiert auch die russische Blockade aller Bemühungen in den Vereinten Nationen um eine Verbesserung der Lage in Aleppo.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow rechnet in Kürze mit dem völligen Zusammenbruch des Widerstands in Aleppo. "Ich erwarte, dass die Rebellen den Kampf in den nächsten zwei bis drei Tagen aufgeben", sagte er der russischen Nachrichtenagentur Interfax. Noch am Dienstagabend hatte Russland gemeldet, die syrischen Regierungstruppen hätten den bislang von Rebellen gehaltenen Ostteil der Stadt komplett unter ihre Kontrolle gebracht. Die Rebellen hatten daraufhin einer Waffenruhe zugestimmt. 

Frankreichs Außenminister Jean-Marc Ayrault sprach von einem "totalen Durcheinander", das vor Ort herrschen würde. Für die geplante Evakuierung forderte er den Einsatz von UN-Beobachtern sowie die Mitwirkung internationaler Organisationen wie das Rote Kreuz und das UN-Kinderhilfswerk Unicef. All diese sollten überwachen, dass Zivilisten die Stadt verlassen könnten und dass Rebellenkämpfer nicht "massakriert" werden, sagte er im Sender France 2.

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