Syrien - Regierungstruppen töten über 80 Zivilisten Die Lage in Aleppo spitzt sich weiter zu. Nach Angaben der UN haben die Soldaten der Regierung und ihre Verbündeten mindestens 82 Zivilisten getötet.

Syrische Regierungstruppen und ihre Verbündeten haben nach Angaben der Vereinten Nationen in den vergangenen Tagen mindestens 82 Zivilisten im Ostteil Aleppos getötet. Darunter seien elf Frauen und 13 Kinder aus vier verschiedenen Bezirken des bisher von Rebellen gehaltenen Ostteils der Stadt, sagte der Sprecher des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte, Rupert Colville auf einer Konferenz in Genf. Er habe die Information erhalten, dass viele Tote noch auf den Straßen lägen.

Das UN-Büro könne sich auf glaubwürdige Informationen von vor Ort berufen, die meisten Opfer seien "wahrscheinlich in den vergangenen 48 Stunden" getötet worden. Soldaten seien in Häuser eingedrungen und hätten Zivilisten an Ort und Stelle erschossen. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef berichtet von mehr als 100 Kinder und Jugendliche, die in einem Haus eingeschlossen seien. Sie könnten das Haus nicht verlassen, da es unter Beschuss steht. "Die Weltgemeinschaft muss für diese Kinder einstehen und diesem Alptraum ein Ende setzen", sagte Unicef-Regionaldirektor Geert Cappelaere.

CNN berichtet unter Berufung auf den Aktivisten Mohammad Basbous vom Aleppo Media Center, dass Regierungstruppen im Ostteil der Stadt die Angehörigen von Rebellen exekutieren würden. Jede Stunde gebe es weitere Opfer. Ein Arzt berichtete, dass vor allem junge Menschen getötet würden.

Kanzlerin Angela Merkel reagierte bestürzt auf die Nachrichten aus Syrien:

Internationales Recht missachtet

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hatte sich zuvor bereits besorgt über Berichte über Gräueltaten gegen zahlreiche Zivilisten geäußert. Zwar könnten die Vereinten Nationen die Berichte nicht überprüfen. Dennoch rief er insbesondere die syrische Regierung und ihre Verbündeten dazu auf, international gültiges Recht einzuhalten.

Rebellenvertreter hatten der Armee bereits am Montag vorgeworfen, in den von ihr eroberten Gebieten reihenweise Aufständische zu erschießen. Das Militär wies das zurück und sagte, die Rebellen versuchten mit dieser Darstellung nur, internationale Sympathien zu gewinnen.

Hilfsorganisationen berichteten von grausamen Zuständen, sie verfassten einen Brief, in dem sie die Internationale Gemeinschaft aufriefen, die verbliebenen 100.000 Menschen sicher aus Aleppo zu bringen. Dieser endet mit den Worten: "Wir können nicht glauben, dass die mächtigsten Länder nicht in der Lage sind, 100.000 Seelen vier Kilometer weit in Sicherheit zu bringen."

Die Türkei kündigte an, sich bei Russland für eine humanitäre Lösung für Aleppo einzusetzen. "Unsere Bemühungen werden fortgesetzt, insbesondere um den Zivilisten zu erlauben, die Stadt zu verlassen, und für eine Waffenruhe", sagte Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu. Am Mittwoch sei ein Treffen mit Vertretern Russlands zu Aleppo geplant. "Wir haben gesehen, wie Aleppo alleingelassen wurde und trotz der versprochenen Waffenruhe sehen wir, wie das Bombardement weitergeht", sagte Çavuşoğlu.

Den syrischen Regierungskräften war es in den vergangenen Tagen mit der massiven Unterstützung der russischen Luftwaffe sowie schiitischer Milizen aus dem Libanon, Iran, Irak und Afghanistan gelungen, die seit 2012 von den Rebellen gehaltenen Viertel im Ostteil Aleppos fast vollständig zurückzuerobern. Die Einnahme der Großstadt, die vor dem Bürgerkrieg das Wirtschaftszentrum des Landes war, ist ein bedeutender Erfolg für den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad.

Der freie Journalist Zouhir al-Shimale berichtet seit Monaten aus dem belagerten Aleppo, unter anderem auch in der Serie "E-Mail aus Aleppo" für ZEIT ONLINE. Am Dienstag veröffentlichte Middle East Eye auf Twitter ein Video von al-Shimale, der darin die dramatische Situation in Aleppo beschreibt: "Viele, viele Menschen verlassen ihre Häuser und gehen auf die Straße und die letzten Winkel von Ost-Aleppo. Sie können nirgendwo sonst hin. Sie sind auf der Straße, es ist eiskalt, Babys sind heute Morgen aufgrund des eiskalten Wetters gestorben. Es gibt keine Häuser oder Unterkünfte für die Zivilisten, die die östlichen Bezirke verlassen haben, die vom Regime eingenommen wurden. Sie sind obdachlos."

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