Es gibt im postsowjetischen Raum wohl kein zweites Land, in dem das Erbe der Sowjetunion so deutlich zu spüren ist und dessen Erkennungsmerkmale so häufig anzutreffen sind wie in Belarus. Sowohl die Straßennamen als auch die Lenin-Denkmäler, die es praktisch in jeder größeren Ortschaft gibt, und selbst die Hoheitssymbole machen dies deutlich. Und doch hat die neue Generation der Belarussen, die zu Zeiten der Unabhängigkeit des Landes groß geworden ist, bereits ganz andere Prioritäten.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion übernahm Belarus von ihr eine ganze Reihe von Faktoren, die sich für die weitere Entwicklung des jungen Staates als prägend erweisen sollten, vor allem die Struktur der Industrieproduktion, die Besonderheiten der Energiewirtschaft, den Grad der Militarisierung und Russifizierung.

Die Belarussische Sozialistische Sowjetrepublik (BSSR) wurde oft als Montagehalle der gesamten Sowjetunion bezeichnet. Und tatsächlich wurden in den riesigen Fabriken wie dem Minsker Automobilwerk, dem Minsker Traktorenwerk, dem Belarussischen Automobilwerk und vielen anderen Unternehmen Waren für das ganze Land und den gesamten sozialistischen Block montiert, deren Bauteile aus vielen Unionsrepubliken kamen. Daraus ergaben sich eine maximale Industriekonzentration und Unmengen an Arbeitskräften, die in diese Produktionsprozesse eingebunden waren – aber auch eine kritische Abhängigkeit von der Belieferung mit Bauteilen und Energieressourcen von außerhalb der BSSR.

Dzianis Melyantsou ist Senior Analyst beim Belarussischen Institut für Strategische Studien. Er ist Herausgeber des Belarussischen Außenpolitischen Index, der die Entwicklung der belarussischen Außenpolitik beobachtet. © BISS

Nachdem das Land unabhängig geworden war und seine staatliche Souveränität erlangt hatte, stand die neue Staatsführung daher vor einer Reihe drängender, lebenswichtiger Herausforderungen: Wie sollte man die gewaltigen, oftmals nicht wettbewerbsfähigen Betriebe über Wasser halten, die Hunderttausende mit Arbeit versorgten? Wie sollte man die bisherigen Absatzmärkte halten? Wie sollte man die Belieferung mit Bauteilen und billigen Energieressourcen organisieren?

Gute Beziehungen zu Russland unerlässlich

Angesichts der schweren Krise Mitte der 1990er Jahre zeichnete sich nur ein Ausweg ab: die Wiederherstellung der Beziehungen mit Russland, die durch den Zerfall der Sowjetunion weitgehend zerrüttet waren. Das war es auch, wofür sich die belarussischen Bürger bei den Präsidentschaftswahlen 1994 aussprachen, als sie Alexander Lukaschenko ihre Stimme gaben, und beim Referendum im Jahr 1995, bei dem die Mehrheit die Initiative des neuen Präsidenten zugunsten einer wirtschaftlichen Integration mit der Russischen Föderation unterstützte.

Die seinerzeit geschaffene Struktur der belarussischen Wirtschaft und des sozialen Miteinanders hat sich bis heute weitgehend erhalten: Der staatliche Sektor der Wirtschaft überwiegt nach wie vor die Privatwirtschaft, die Wirtschaft ist exportorientiert, Russland weiterhin der wichtigste Absatzmarkt für belarussische Produkte. Zudem hängt Belarus zu 100 Prozent von der Versorgung mit russischen Energieressourcen ab.

So hat das sowjetische Erbe die Struktur der heutigen belarussischen Wirtschaft vorgegeben und war maßgeblich für die Ausrichtung des Landes an Russland.

Militärisch an Russland gebunden

Ein weiteres Element des sowjetischen Erbes war der hohe Militarisierungsgrad des belarussischen Hoheitsgebiets. Für den Fall eines Krieges mit der Nato hatte die Sowjetunion an ihren westlichen Landesgrenzen beträchtliche Militärkontingente konzentriert: Hier waren Atomraketen stationiert, es gab Flugplätze für schwere Bomber und andere Militärinfrastruktur. Zu Beginn der 1990er Jahre taten im weißrussischen Militärbezirk 240.000 Soldaten Dienst, damit kam in Belarus auf 42 Einwohner ein Militärangehöriger.

Belarus war und ist für Russland strategisch bedeutsam, bietet das Land nicht nur einen Puffer zwischen dem eigentlichen russischen Hoheitsgebiet und den Nato-Staaten, sondern auch Raum für die Flugabwehr westlich von Moskau. Die militärische Bedeutung, die das Land für den Kreml hat, und die Vielzahl der militärischen Anlagen auf belarussischem Staatsgebiet waren auch maßgeblich für die Einbindung von Belarus im Rahmen des Vertrags über die kollektive Sicherheit.

Tatsächlich kam es Mitte der 1990er Jahre zwischen Russland und Belarus zu einer Art informellem Pakt: Belarus blieb auch weiterhin militärischer Verbündeter Moskaus, ließ die russische Militärinfrastruktur im Land unangetastet und demonstrierte aktiv geopolitische Loyalität, während der Kreml im Gegenzug die belarussische Wirtschaft unterstützte, vor allem mit billiger Energie, mit Krediten und Zugang zum russischen Markt.