Am 20. August 1991 verkündete das Parlament in Tallinn die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Estlands. Für die ethnischen Esten war es ein Tag der Freude, ein Tag des Sieges im langen Kampf ihrer Befreiung vom Sowjetregime. Estland war nun ein souveräner Staat, davon hatten die meisten Esten seit Jahrzehnten geträumt.

Für die russischsprachigen Bewohner dagegen, 30 Prozent der Gesamtbevölkerung, war es ein Tag der Verwirrung, ja der Sorge. Anders als die ethnischen Esten hatten sie nie ein unabhängiges Estland kennengelernt; weder sie noch ihre Eltern oder Großeltern hatten je in einem solchen Staat gelebt. Und sie kannten auch nicht die Geschichten, die ältere Esten über die romantisch verklärten Zeiten der Unabhängigkeit erzählten. Der einzige Staat, den sie kennengelernt hatten, war die Sowjetunion, die nunmehr Geschichte zu sein schien.

Die meisten russischsprachigen Bewohner waren zu Sowjetzeiten nach Estland gekommen, als Fabrikarbeiter, als Organisatoren der sowjetischen Planwirtschaft, als Führungskader der Kommunistischen Partei oder als Offiziere der Sowjetarmee. Hatte vor der sowjetischen Okkupation der Anteil der Russen an der estnischen Bevölkerung bei acht Prozent gelegen, stieg er bis 1989 auf 30 Prozent. Der Zustrom aus anderen Teilen der Sowjetunion war gewaltig.

Kristina Kallas ist Direktorin des Narva College an der Universität im estnischen Tartu. Sie hat als Expertin für Minderheitenrechte und Integration für die estnische Regierung und für die OSZE gearbeitet. © Pohjarannik

Dies begann 1946, als im Rahmen von Stalins Programm zur Rekrutierung von Arbeitskräften jährlich fast 45.000 Menschen nach Estland kamen, die überwältigende Mehrheit von ihnen Russen. Auf 19 Einheimische kam ein Zuwanderer. Im Vergleich dazu betrug in Deutschland zwischen Kriegsende und 1973 das Verhältnis von Einheimischen zu Zuwanderern 112 zu eins. Die Migration ging in den sechziger und siebziger Jahren zurück, hörte aber erst mit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums 1991 auf.

Ein Versuch der Kolonialisierung?

Die Esten betrachteten die Zuwanderung von Russen als einen Versuch des Sowjetregimes, ihr Land zu kolonisieren. Das wirkte sich auch auf ihre Wahrnehmung der Russen aus, die in eigenen Stadtvierteln wohnten, eigene Kindergärten, Schulen und Medien hatten und ein unabhängiges soziales und kulturelles Leben führten. Die Russen wiederum sahen sich als sowjetische Mitbürger, die mit den Esten zusammenarbeiteten, um ein kommunistisches Paradies aufzubauen. Sie konnten die Feindseligkeit, die die Esten ihnen gegenüber an den Tag zu legen schienen, nie wirklich verstehen, weil man ihnen die ganze Wahrheit dessen, was auf diesem Territorium zwischen 1939 und 1945 geschehen war, vorenthalten hatte. Sie waren stolz auf die Sowjetunion und deren Erfolge bei der Modernisierung riesiger Gebiete des rückständigen Zarenreichs und bei der Verbesserung der Lebensbedingungen und des Lebensstandards von Millionen Menschen auf dem eurasischen Kontinent.

Für die Esten hatte die Sowjetunion einen ganz anderen Stellenwert. Die Sowjetunion stand für den Verlust ihrer staatlichen Unabhängigkeit, den Tod ihrer Angehörigen im Zuge staatlicher Repressionen, den Rückgang von Lebensstandard und Lebensqualität, die Russifizierung und den Verlust ihrer nationalen Identität.

Gegensätzliche Bewertung

Diese unterschiedliche Bewertung des Sowjetregimes spaltet die beiden Gemeinschaften bis heute. Die Esten lehnen alles Sowjetische ab und versuchen mit fast religiösem Eifer, sämtliche Spuren des sowjetischen Erbes zu tilgen. Für die Russen wiederum ist diese Entwicklung verwirrend, war doch für sie die Sowjetunion tatsächlich das Land, das ihre Lebensbedingungen spürbar verbesserte.