Europa, der geschundene Kontinent und seine politischen Institutionen, das sind die Lebensprojekte von Ulrike Guérot. Mit nichts hat sich die 52-Jährige in den vergangenen Jahren intensiver beschäftigt. Vor drei Jahren kündigte sich deshalb ihren festen Job und gründete das European Democracy Lab in Berlin. Das Lab ist eine Denkwerkstatt zur Entwicklung europäischer Demokratie. Damit diese Denkwerkstatt entstehen konnte, hat Ulrike Guérot viel investiert. Sie hat quasi ihre Lebensversicherung geopfert, um die Zukunft der EU zu retten.

"Warum Europa eine Republik werden muss! Eine politische Utopie", lautet der Titel des aktuellen Buches der Politikwissenschaftlerin. Um es zu erklären, reist sie fast wöchentlich durch Europa. Kurz vor dem Interviewtermin in Berlin war sie in London, Wien, Rom, Florenz. Ihr Koffer liegt noch auf dem Holzfußboden ihrer Wohnung, unklar ob halb ausgepackt oder halb eingepackt.

ZEIT ONLINE: Frau Guérot, warum steht auf Ihrem Schrank im Flur ein blauer EU-Pass?

Ulrike Guérot: Der wurde mir vom Europäischen Ausschuss der Regionen Europas in Brüssel geschenkt. Nettes Werbedingens. Wenn man ihn aufschlägt, sieht man unterschiedliche Karten der EU mit sozioökonomischen Daten. Man erkennt die Umrisse Europas, aber nicht mehr die nationalen Grenzen. Intuitiv sieht man, dass es in der EU nicht um Nationalstaaten geht. Ich bin ja auch der Meinung: Nationalismus funktioniert in der EU nicht mehr.

ZEIT ONLINE: Sollte jeder EU-Bürger so einen EU-Pass haben?

Guérot: Ja. Mein Eindruck ist, dass die meisten Bürger sich als Europäer fühlen und auf nichts verzichten wollen, was Europa ihnen bietet. Allen voran die Reisefreiheit. Aber auch Erasmus-Austauschprogramme für Studenten in der EU. Und auch der Euro ist schon ziemlich praktisch.

ZEIT ONLINE: Sie wollen die EU in ihrer jetzigen Form dennoch abschaffen und neu errichten.

Guérot: Ich möchte Europa richtiger machen. Das heißt: Ein Markt, eine Währung, eine Demokratie. Der Euro ist ja gut und schön, aber keine Währung kann ohne eine Demokratie funktionieren.

ZEIT ONLINE: Das Europaparlament ist direkt gewählt. Auch die Menschen, die im Europäischen Rat Entscheidungen für die EU treffen, werden in ihren Heimatländern gewählt. Die EU ist schon sehr demokratisch.

Guérot: Dass wir partiell schon viele demokratische Elemente haben, streite ich gar nicht ab. Aber das Prinzip eine Person eine Stimme gilt nicht in Europa. Wir haben keine Wahlrechtsgleichheit. Wir haben ein EU-Parlament, das teilweise das Initiativrecht für neue Gesetze hat, teilweise aber auch nicht. Das jetzige Europäische Parlament ist nicht die Vertretung des Souveräns der EU.

ZEIT ONLINE: Das Parlament kann neue Gesetze blockieren.

Guérot: Es kann aber keine Gesetze auf den Weg bringen. Dazu ist der Europäische Rat zusammen mit der Kommission da. Wenn das Parlament den Rat überstimmen will, muss eine Zweidrittelmehrheit zusammenkommen. Das verhindert systemisch eine Politisierung. Deshalb empfinden viele Bürger die EU auch nicht als demokratisch. Demokratie heißt doch auch, dass man etwas verändern kann.

ZEIT ONLINE: Alle EU-Bürger können bei der nächsten Europawahl ihre EU-Abgeordneten abwählen. Und in ihrem jeweiligen Land können die Bürger auch noch ihre Regierung bestimmen. Die Italiener haben das im vergangenen Jahr gemacht.

Guérot: Ich sage nicht, dass es überhaupt keine Legitimität gibt. Ich sage nur: Wir als Bürger sind nicht der Souverän des politischen Systems. Deshalb hat Nigel Farage während des Brexit-Wahlkampfes andauernd gesagt: Der Bürger hat keine Kontrolle mehr. Deshalb soll Großbritannien aus der EU austreten. Damit hat er im Prinzip Recht. Er als britischer Bürger kann nicht alle Leute, die in Brüssel regieren, direkt abwählen. Der Satz: "Du kannst immer wählen, aber du hast keine Wahl", stimmt in gewisser Hinsicht in Europa.

ZEIT ONLINE: Sie gehen den Populisten auf den Leim.

Guérot: Noch mal einen Schritt zurück. Sie sagen, die EU-Bürger wählen das EU-Parlament direkt. Und die nationalen Regierungen auch. Stimmt. Mein Argument ist aber, dass dieses Mehrebenensystem nicht funktioniert. Die Lebenslüge der EU ist doch seit dem Maastrichter Vertrag, dass nur die Staatenunion Realität geworden ist, die Bürgeruniuon nicht. Das heißt: Die meisten Entscheidungen werden im Europäischen Rat gesetzt, also von den Vertretern nationaler Regierungen. Das EU-Parlament kann das kaum überstimmen.

ZEIT ONLINE: Wer Merkel nicht mag, kann AfD wählen. Das ist dann auch eine Alternative für Europa.

Guérot: Aber nur die Deutschen können Merkel abwählen. Die Portugiesen und Griechen nicht. Und andersherum: Wenn die Niederländer allein das Assoziierungsabkommen zwischen der Ukraine und der EU zu Fall bringen können, dann ist das eben nicht demokratisch. Soll heißen: In einer demokratischen EU darf es keine unterteilten Wirs geben. Eine Schleife weiter: Wenn der Brexit Auswirkungen auf den ganzen Kontinent hat, warum dürfen dann nur die Briten darüber entscheiden, und nicht wir alle zusammen? Wenn etwas alle Bürger der Union betrifft, dann müssen auch alle darüber abstimmen dürfen!

Ulrike Guérot hat sich nun warmgeredet. Sie sitzt auf einem Polsterhocker, neben ihr ein hohes Bücherregal, das nur über eine Leiter zu erreichen ist. Sie stützt ihre Hände auf ihre Knie, will weiter reden, als ein Anrufer das Gespräch kurz unterbricht. "Keine Zeit," sagt sie ins Telefon. Kurze Pause, der Blick schweift in ihre Wohnung. An einen Wandspiegel hat sie mit Lippenstift ein Zitat Mahatma Gandhis geschrieben: "Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich, und dann gewinnst du." Der Spruch wirkt wie ein Lebensmotto der Europa-Aktivistin.