Das US-Wirtschaftsmagazin Forbes hat gerade die Liste der angeblich mächtigsten Menschen der Welt veröffentlicht: Wladimir Putin, Donald Trump und Angela Merkel führen sie an. Nicht ein Wirtschaftsboss auf dem Treppchen. Das haben die Zeiten so an sich: Wenn irgendwo Krieg ist und viel passiert, glaubt man wieder an die Vormacht der Politik und ihre großen Namen.

Welch schlimmer Irrtum! Man muss nur über den Rhein schauen. Dort sind sie gerade alle gestürzt: Präsident François Hollande verzichtete freiwillig darauf, bei den kommenden Präsidentschaftswahlen noch einmal zu kandidieren, sein Vorgänger Nicolas Sarkozy schied schon bei den Vorwahlen aus, ebenso sein ewiger Nebenbuhler, der ehemalige Premierminister Alain Juppé.

Was bleibt, ist die Macht der kleinen Leute, die im nächsten Jahr einen neuen französischen Präsidenten wählen werden. Eine Richtungswahl wird das sein, die über Europas Zukunft entscheiden könnte. Doch weder die bisherigen Granden der französischen Politik noch Putin, Trump und Merkel werden auf sie großen Einfluss haben.

Es gibt nämlich auch noch Alltag und Normalität. Und es gibt Weihnachten. Zwar hat die französische Polizei Anfang Dezember sieben mutmaßliche Terroristen festgenommen, die, so sagt die Pariser Staatsanwaltschaft, noch vor Weihnachten für den "Islamischen Staat" (IS) ein Attentat planten. Der Terror kann Frankreich also jederzeit wieder einholen. Aber wenn die IS-Attentäter nicht mehr zuschlagen, könnten es tatsächlich ungewöhnlich ruhige Weihnachten in unserem Nachbarland werden. Viel böses Gerede ist nämlich von gestern. Niemand muss mehr über Hollande und Sarkozy fluchen, wie das seit zehn Jahren in Frankreich an jeder Cafétheke und in jeder Familie üblich war. Und Trump, Putin und Merkel sind viel zu weit weg, um die französischen Herzen zu bewegen.

Wie in ganz normalen Jahren vor Präsidentschaftswahlen dürften die Franzosen deshalb in aller Ruhe über dem Weihnachtsmenü ihren künftigen Präsidenten küren. Traditionell bringen die Festtage jene intimen Momente in der Familie oder unter Gleichgesinnten mit sich, in denen sich die französischen Wähler innerlich für den ein oder anderen entscheiden.

Kaum jemandem geht es besser als den Franzosen

Diese Weihnachten jedoch werden in Frankreich wirtschaftliche Diskussionen überwiegen. Der Königsmord, der schon Höhepunkt der französischen Revolution war, ist ja bereits erledigt. Hollande und Sarkozy sind politisch mausetot. Umso unsicherer ist die eigene Zukunft. Denn den Franzosen geht es zwar objektiv besser als fast jedem anderen Volk der Welt. In keinem anderen großen Industrieland hat die Verteilungsungerechtigkeit der Einkommen seit 2000 so wenig zugenommen wie in Frankreich. Noch immer gibt es in Frankreich deutlich weniger Arme als in Deutschland.

Aber subjektiv geht es den Franzosen trotzdem schrecklich. Sie sehen sich als Verlierer der Globalisierung. Sie beklagen eine Arbeitslosigkeit von zehn Prozent, als wäre sie ein Grund, die Zukunft schwarzzumalen. Sie sehen sich ständig im Hintertreffen gegenüber Deutschland. Vor allem fehlt es dem französischen Bürger an ökonomischem Selbstbewusstsein: Er sieht allerorten die alten Industriewüsten, glaubt nicht an die digitale Zukunft, sondern an den wirtschaftlichen Niedergang des eigenen Landes.

Das aber macht die innere Wahl am Weihnachtstisch zu einem großen Risiko. Denn statt mit dem Kopf könnten die Franzosen dieses Mal mit dem Portemonnaie abstimmen, ein Verhalten, das man gewöhnlich eher den Deutschen unterstellt. Folgende Auswahl bietet sich ihnen: François Fillon von den konservativen Republikanern und Emmanuel Macron, der als unabhängiger Linker ins Rennen geht, sind Wirtschaftsliberale, die den übergewichtigen französischen Staat verschlanken wollen. Sie glauben, mehr Freiheit nütze der Wirtschaft und allen Bürgern. Beide sind Optimisten. 

François Fillon - Frankreich wählt den konservativen Antipopulisten Nach seinem Überraschungssieg bei der Vorwahl der Konservativen gilt der Ex-Premierminister Fillon als Favorit für die Präsidentschaftskandidatur. Er steht für einen wirtschaftsliberalen Kurs. © Foto: Christophe Archambault/dpa