Die türkische Regierung macht offenbar die Gülen-Bewegung für das Attentat auf den russischen Botschafter in Ankara verantwortlich. Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu habe seinem US-Amtskollegen John Kerry in einem Telefonat mitgeteilt, "dass Fetö hinter diesem Anschlag steckt", meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu unter Berufung auf diplomatische Kreise. Das wüssten sowohl die Türkei als auch Russland.

Fetö ist die amtliche türkische Bezeichnung für die Bewegung des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen, die in der Türkei als Terrororganisation eingestuft wird. Die Regierung hält Gülen für den Urheber des Putschversuches in der Türkei Mitte Juli und fordert dessen Auslieferung.

Zuvor war bekannt geworden, dass das Attentat auf den russischen Botschafter in Ankara nach Einschätzung der Behörden nicht auf das Konto eines Einzeltäters geht. Es sei gut und professionell geplant gewesen, sagte ein ranghoher türkischer Beamter.

Die Behörden nahmen zunächst vier Familienmitglieder des Attentäters fest. Am Dienstag erfolgten nach Informationen von Anadolu drei weitere Festnahmen. Unter den sieben Menschen in Polizeigewahrsam sind neben den Eltern und der Schwester des Täters drei weitere Verwandte sowie der Mitbewohner des Mannes. Einer der Festgenommenen soll an einer Gülen-Schule gearbeitet haben.

Türkei und Russland normalisieren Beziehungen

Der Attentäter, ein 22-jähriger türkischer Polizist, den die Behörden inzwischen als Mevlüt A. identifizierten, war bei seiner Tat in Anzug und Krawatte gekleidet. Er habe am 14. Dezember ein Hotel in der Nähe der Galerie gebucht und sei dort am Montag eingetroffen. Das Zimmer wurde mittlerweile versiegelt. Nach einem 15-minütigen Schusswechsel mit der Polizei war er am Tatort erschossen worden.

Russische Experten waren am Morgen in Ankara eingetroffen, um bei der Aufklärung zu helfen. Die Leiche von Andrej Karlow wurde nach einer Zeremonie am Flughafen nach Moskau überführt. Der 62-jährige russische Diplomat wurde am Montagnachmittag während einer Rede in einer Kunstgalerie der türkischen Hauptstadt erschossen.

Attentat in Ankara - Putin will Kampf gegen den Terrorismus ausweiten Der russische Botschafter Andrej Karlow wurde in Ankara erschossen. Wladimir Putin sagt, das Attentat werde die Normalisierung der russisch-türkischen Beziehungen nicht verhindern.

Der Angreifer hatte während seiner Tat "Allahu Akbar" gerufen und auf die Lage im syrischen Aleppo mit Sprüchen wie "Vergesst Aleppo nicht, vergesst Syrien nicht" aufmerksam gemacht. In der Türkei waren in den vergangenen Tagen die Proteste gegen Russlands Rolle in Aleppo und seinen Anteil an den Zerstörungen der Stadt immer größer geworden. Die Türkei und Russland unterstützten im Syrien-Konflikt entgegengesetzte Seiten, arbeiteten aber auch zusammen. Der Abzug der Rebellen aus Ost-Aleppo etwa hatte erst nach einer von beiden Ländern vermittelten Waffenruhe beginnen können.

Russlands Präsident Wladimir Putin und sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdoğan bewerteten das Attentat als Provokation, wie der türkische Staatschef nach einem Telefonat sagte. Die beiden Länder wollen sich dadurch nicht entzweien lassen. Sie hätten der Welt gezeigt, was sie mit Zusammenarbeit erreichen können, sagte der türkische Außenminister Çavuşoğlu bei einem Treffen mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow. "Wir müssen herausfinden, was oder wer hinter diesem verräterischen, niederträchtigen Anschlag steckt. Und das werden wir gemeinsam schaffen", sagte der türkische Außenminister.

Erst vor Kurzem hatten die beiden Länder begonnen, ihre Beziehungen nach dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch die Türkei im syrischen Grenzgebiet 2015 wieder zu normalisieren. Russland wird zur Untersuchung des Attentats 18 eigene Ermittler in die Türkei schicken.