ZEIT ONLINE: Am Ende des turbulenten Jahres 2016 – wo steht der Nahe und Mittlere Osten?

Wilfried Buchta: Die nahöstliche Staatenwelt bewegt sich in Richtung Auflösung. Sie befindet sich in einem gesellschaftlichen, politischen und staatlichen Zersetzungsprozess. Diese Erkenntnis greift angesichts der Flüchtlingswellen und des Terrorismus in letzter Zeit auch in Europa um sich. Die Konflikte in Syrien und Irak werden weiter andauern, wahrscheinlich für die nächsten Jahre und Jahrzehnte.

ZEIT ONLINE: Der syrische Bürgerkrieg erlebt mit der Rückeroberung Aleppos eine dramatische Wende. Wird Diktator Baschar al-Assad am Ende siegen?

Wilfried Buchta: Assad kontrolliert jetzt mit den Russen und den Iranern die großen städtischen Zentren Syriens außer Idlib und Raqqa. Ihm unterstehen etwa 50 bis 60 Prozent der Bevölkerung. Auf dem flachen Land jedoch wird weitergekämpft. Der Krieg geht nur in eine neue Etappe. Hier und in den städtischen Vororten wird es wahrscheinlich zu einem Guerillakrieg kommen.

Assad hat kein konstruktives Konzept für einen funktionierenden Nationalstaat, also für einen Staat, dessen Bewohner eine gemeinsame nationale Identität teilen. Übrig geblieben ist nach den jahrelangen Kämpfen ein Rumpfstaat der alawitischen Minderheit unter Führung Assads, gestützt von anderen Minderheiten im Kampf gegen den Rest. Der Rest, das sind die großen sunnitischen Bevölkerungsgruppen, die 70 Prozent ausmachen.

ZEIT ONLINE: Europa und die USA schauen dem Gemetzel ohnmächtig zu, was viel Kritik ausgelöst hat. Was ist falsch gelaufen in der westlichen Syrienpolitik?

Wilfried Buchta: Wir hatten immer ein falsches Bild von der Gesamtlage im Nahen Osten, von dem Zustand dieser Staaten, von dem Charakter dieser Regime und vom Charakter der islamischen Gesellschaften. Es galt lange die Maxime, man könne durch wirtschaftliche Kooperation diese Staaten stabilisieren und dafür im Gegenzug politische Reformen einfordern. Diese Illusionen gehen jetzt nach und nach zu Bruch. Das wird dazu führen, dass wir bescheidener und realistischer werden.

Wir müssen uns darüber klar werden, dass Militärinterventionen bestehende Übel nur verschlimmern. Die westliche Demokratie hat in den meisten islamisch geprägten Nahoststaaten keine Wurzeln geschlagen. Wir müssen uns mit den unguten Realitäten der Region abfinden, so schwer es uns fällt. Morsche Staaten, die nur durch Sicherheitsapparate gewaltsam zusammengehalten werden, sind dazu verdammt, sich selbst zu zerstören. Wir können nur noch humanitäre Hilfe leisten für bestimmte in Not geratene Bevölkerungsgruppen.

ZEIT ONLINE: Der "Islamische Staat" (IS) hat eine Serie von Niederlagen erlitten. Die irakische Armee greift jetzt auch seine Bastion in Mossul an – wie stark ist der IS noch?

Wilfried Buchta (55) ist Islamwissenschaftler und Publizist. Er hat 14 Jahre lang für nationale und internationale Organisationen in Marokko, Iran, Jordanien und Irak gearbeitet, zuletzt von 2005 bis 2011 als politischer Analytiker für die Vereinten Nationen in Bagdad. Kürzlich erscheinen ist von ihm das Buch: "Die Strenggläubigen. Fundamentalismus und die Zukunft der islamischen Welt". © privat

Wilfried Buchta: Die Offensive gegen Mossul ist ins Stocken geraten. Der IS ist gut vorbereitet, sein Widerstand sehr hart. Wahrscheinlich wird es einen längeren Stellungskrieg geben. Sollte die Anti-IS-Koalition dennoch siegen, weiß niemand, was danach geschieht.

Wer hat das politische Sagen in Mossul? Wer soll als Ordnungsmacht agieren? Nichts ist geklärt. Darum könnte es passieren, dass die berüchtigten schiitischen Milizen erneut in großem Maßstab Gewalttaten an der sunnitischen Bevölkerung verüben. Das aber spielt dem IS in die Hände, der nach einer kurzfristigen Vertreibung aus Mossul dort oder anderswo wieder wie ein Phönix aus der Asche auftauchen und erneut zum Hoffnungsträger der Sunniten werden könnte – als Verteidiger der Sunniten gegen die verhassten schiitischen Araber und die verhassten schiitischen Perser.

ZEIT ONLINE: Wird das sogenannte Islamische Kalifat bald von der Landkarte verschwinden?

Wilfried Buchta: Das ist schwer zu sagen. Das hängt von den Kämpfen in Mossul ab, aber auch von der Entwicklung in Raqqa. Das Herrschaftsgebiet des IS könnte zusammenschmelzen auf größere Enklaven. Aber mit Stumpf und Stil ausreißen lässt sich der IS wohl nicht. Dafür gibt es viel zu viele Konflikte in der Region, von denen der IS profitiert.