Nach monatelangen Kämpfen soll es der nigerianischen Armee gelungen sein, die Terrormiliz Boko Haram aus ihrer wichtigsten Hochburg zu vertreiben. Das gab der Präsident Nigerias, Muhammadu Buhari, am Samstag bekannt. Regierungstruppen hätten das "Camp Zero" der Extremisten im Sambisa-Wald im Bundesstaat Borno erobert, sagte Buhari. Dies sei die "lange erwartete und äußerst erfreuliche Nachricht von der endgültigen Zerschlagung der Terroristen von Boko Haram in ihrer letzten Enklave".

Der nigerianische Präsident sagte, der Generalstabschef der Armee habe ihm mitgeteilt, "dass die Terroristen auf der Flucht sind, keinen Ort mehr haben, wo sie hin können". Er habe die Soldaten angewiesen, die Islamisten zu verfolgen und sie der Justiz zu übergeben. Zum Verbleib des Boko-Haram-Anführers Abubakar Shekau machte Buhari keine Angaben.

Beobachter äußerten Zweifel daran, wie ernst die Siegeserklärung des Präsidenten zu nehmen ist. Eine Splittergruppe der Extremisten hatte nämlich ihre eigenen Erfolgsmeldungen veröffentlicht. Kämpfer hätten im Bundesstaat Yobe eine Militärkaserne angegriffen und dabei viele Soldaten getötet und verwundet, hieß es einer Stellungnahme der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) im Internet. Eine Fraktion der Boko Haram, die sogenannte Westafrikanische Provinz des Islamischen Staats, hat dem IS die Treue geschworen. 

Die Eroberung des Lagers im Sambisa-Wald und der Angriff auf die Kaserne in Yobe sollen sich am Donnerstag zugetragen haben. Am Mittwoch hatte die nigerianische Armee im Sambisa-Wald 1.880 Zivilisten aus der Hand der Boko-Haram-Kämpfer befreit. Im Wochenverlauf nahm sie mehr als 500 Islamisten gefangen.

Der Sambisa-Wald liegt im nördlichen Bundesstaat Borno und ist rund 1.300 Quadratkilometer groß. Das Gebiet war in den vergangenen Jahren das wichtigste Rückzugsgebiet der Boko Haram nach Gefechten mit der Armee. Von dort aus verübten die Extremisten Angriffe und Selbstmordanschläge. Auch die im April 2014 aus Chibok entführten Schulmädchen sollen dort gefangen gehalten worden sein. Buhari rief die eigenen Truppen auf, die Suche nach den noch rund 200 vermissten Mädchen zu intensivieren.

Millionen sind geflüchtet

Beobachter rechneten nicht damit, dass der Aufstand der Extremisten in Nigeria bald ein Ende haben wird. Seit 2009 versucht Boko Haram, mit Gewalt einen islamischen Gottesstaat in Nigeria durchzusetzen. Rund 20.000 Menschen wurden in dem Konflikt getötet, mehr als 2,3 Millionen flohen vor der Gewalt. Laut dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) sind wegen der Bedrohung durch Boko Haram inzwischen etwa 1,4 Millionen Kinder auf der Flucht.

2014 weiteten die Boko-Haram-Kämpfer ihre Angriffe auf die Nachbarländer Kamerun, Niger und Tschad aus. Deren Regierungen schlossen sich daraufhin dem Kampf gegen Boko Haram an. Daher sind aus Angst vor Angriffen etwa im Nachbarland Niger 99 Schulen in sicherere Gebiete verlegt worden. Mehr als 2.000 Schulen in Nigeria, Kamerun, im Niger und im Tschad müssen aufgrund wiederholter Angriffe von Boko Haram dauerhaft geschlossen bleiben.

In diesem Jahr entbrannte aber offenbar ein Führungsstreit innerhalb der Boko Haram. Der IS ernannte Abu Musab al-Barnawi zum neuen Anführer von Boko Haram, der bisherige Chef Abubakar Shekau sprach wörtlich von einem "Putsch" und führt weiter eine eigene Fraktion von Extremisten an. Die Gruppe unter Al-Barnawi firmiert unter dem Namen Westafrikanische Provinz des Islamischen Staats.

Nigeria ist mit 186 Millionen Einwohnern Afrikas bevölkerungsreichstes Land.