Wie zwei Boxer, die nach einem engen Kampf auf die Wertung der Punktrichter warten, haben sich Norbert Hofer (FPÖ) und Alexander Van der Bellen (Grüne) in ihre Ecken zurückgezogen. In dem Raum, in dem Pressevertreter das TV-Duell zwischen den beiden Präsidentschaftskandidaten auf einer Großbildleinwand verfolgt haben, hat links hinten Hofer mit seinem Anhang Platz genommen, nippt an seinem Rotwein und raucht. In der gegenüberliegenden Ecke steht Van der Bellen und prostet seiner Traube an Helfern mit einem Wasserglas zu, während der ganze Saal darauf schaut, was die Nachbesprechung der ORF-Politikexperten auf der Leinwand ergibt.

Zur Überraschung vieler Beobachter wurde das letzte Aufeinandertreffen der beiden Kandidaten am Donnerstagabend nach einem Jahr Wahlkampf zum offenen Schlagabtausch. Weil sich keiner von beiden erhoffen konnte, einen inhaltlichen Stich zu setzen – es war in einem langen Wahlkampf alles bereits gesagt worden –, versuchten beide vor allem, ihren Gegner schlecht aussehen zu lassen. Deshalb war das Duell schmutziger als vieles, was die Österreicher bislang im Wahlkampf erlebt hatten.

Die Attacken kamen im Duell nicht spontan, beide hatten sich darauf vorbereitet. Vor Hofer und Van der Bellen auf dem Tisch lagen dicke Mappen, aus denen sie dann Diskreditierendes über den Gegenüber zauberten. "Politische Archäologie" warf Van der Bellen seinem Kontrahenten vor, als dieser zum wiederholten Mal versuchte, mit jahrzehntealten Zitaten zu stechen. Van der Bellen seinerseits zog gleich zu Anfang ein Foto seines Vaters aus dem Hefter und hielt es in die Kamera: Eine von Hofers Wahlkampfhelferinnen habe seinen Vater als Nazi diffamiert. "Ich will Ihnen zeigen, dass das ein Mensch war", sagte Van der Bellen. "Ein schweres Foul" sei das, konterte Hofer, allerdings ohne sich zu dem Vorwurf zu äußern. Er, Hofer, sei selbst oft als Nazi geschmäht worden.

"Das Mieseste, was ich seit Langem erlebt habe"

Beide Kandidaten können im Wahlkampf auf ein etwa gleich großes Lager an Unterstützern zählen. Die letzte ungültige Stichwahl war von gerade mal 30.000 Stimmen entschieden worden. Die beiden Kandidaten von den beiden Enden des politischen Spektrums sind daher darauf angewiesen, die politische Mitte, also Wähler von ÖVP und SPÖ, für sich zu gewinnen – oder sie zumindest davon abzuhalten, für den jeweils anderen zu stimmen.

Immer wieder nutzte vor allem Hofer daher seine Redezeit dazu, Van der Bellen in Misskredit zu bringen, statt für seine eigenen Positionen zu werben. Das merkte auch die Moderatorin an. So nannte Hofer Van der Bellen einen Kommunisten, warf ihm vor, Beziehungen zu Fidel Castro gepflegt zu haben, spielte auf sein Intermezzo bei den Freimaurern an und warf ihm schließlich vor, als Spion für den Ostblock Rüstungsdetails verraten zu haben. "Das ist das Mieseste, was ich seit Langem erlebt hab", wies Van der Bellen die Vorwürfe zurück.

Viele solcher Attacken lächelte er einfach nur ungläubig weg. Erst als Hofer wiederholt versuchte, sich als Freund der EU darzustellen, platzte es aus dem Wirtschaftsprofessor heraus: "Jetzt reicht's mir aber!", schimpfte er. Aus seiner Mappe zog er ein Bild, das Hofer beim Handkuss mit der französischen Rechtspopulistin Marine Le Pen zeigt. "Sie konnten der EU noch nie etwas Gutes abgewinnen, die FPÖ hat immer Stimmung gegen Europa gemacht." Eindringlich warnte er seine Landsleute: "Lasst uns nicht mit dem Feuer spielen." Österreich müsse ein verlässlicher Partner in der EU sein.

Milchpreis und Öxit, das waren die Inhalte

Wann immer es, wie in solchen Situationen, eng wurde für Hofer, nutzte er den Vorwurf der Lüge. "Das ist die glatte Unwahrheit" gehörte zu seinen häufigen Antworten.

Um Inhalte ging es dann aber natürlich auch noch. Die Positionen kurz zusammengefasst: Hofer will die Russlandsanktionen abschaffen, weil sie den heimischen Bauern den Milchpreis verdarben. Zudem sollen österreichische IS-Kämpfer die Staatsangehörigkeit verlieren. Und sollte sich die EU zum Zentralstaat entwickeln oder die Türkei aufnehmen, will er die Bevölkerung über einen Öxit, einen Austritt Österreichs, abstimmen lassen. Dass er die Todesstrafe einführen und die Regierung entlassen will, habe er nie gesagt und sei eine Falschdarstellung gewesen. Van der Bellen warb unterdessen für mehr soziale Sicherheit, eine vermittelnde Außenpolitik und ein Österreich innerhalb der EU.

Vor der Leinwand im ORF-Presseraum ist die Punktwertung vergeben: Die TV-Experten können keinen klaren Sieger des Duells ausmachen. Trotzdem zufrieden geben beide letzte Interviews. Ohne einander die Hand zu schütteln, verlassen beide Kandidaten einer nach dem anderen den Sender.

Österreich - "Wir brauchen diese Wahl nicht" Der längste Wahlkampf in der Geschichte Österreichs geht zu Ende. Wie beurteilen Wiener Bürger die Stimmung im Land? © Foto: ZEIT ONLINE