Schwarzer Humor à la Turca geht in diesen Tagen so: Mittlerweile sitzen so viele gute und erfahrene Journalisten in türkischen Gefängnissen, dass sich dort eine ziemlich gute neue Zeitung machen ließe. Oder ein neuer Fernsehkanal gründen, mit vielen altgedienten Profis und jungen Talenten. Man würde eine Marktlücke füllen – denn in der Türkei gibt es derzeit kaum noch eine Presse, die ihrer Funktion nachkommt, die Mächtigen zu kontrollieren.  

Seit gestern hätte das neue Knast-Spitzenmedium einen weiteren Mitarbeiter: Ahmet Şık, einer der bekanntesten Krisen- und Investigativreporter des Landes, wurde verhaftet. Damit hat die Türkei laut dem Committee to Protect Journalists (CPJ) mehr Journalisten inhaftiert als jedes andere Land. Es ist ein trauriger Rekord.

Zuletzt arbeitete der 46-Jährige Şık bei der Cumhuriyet, dem mittlerweile einzigen regierungskritischen Blatt. Anfang November wurden bereits der amtierende Chefredakteur der Zeitung und neun weitere Mitglieder der Führungsebene verhaftet. Der Vorwurf gegen Şık lautet nun: Propaganda für die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans, PKK; Propaganda für die Bewegung des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen, den die türkische Regierung als Drahtzieher hinter dem Putsch am 15. Juli diesen Jahres vermutet; und Propaganda für die linksextremistische Revolutionäre Volksbefreiungspartei-Front, DHKP-C.

Alle drei sind in der Türkei als Terrororganisationen eingestuft, aber sind, gelinde gesagt, doch recht unterschiedlich in ihren Zielsetzungen. Nicht zuletzt deshalb wirkt der Vorwurf gegen den Journalisten absurd. 

Ein Kritiker der Gülen-Bewegung

Er ist auch zutiefst zynisch. Denn Ahmet Şık sitzt nicht das erste Mal im Gefängnis. Zuletzt wurden er und sein Kollege Nedim Şener 2011 verhaftet. Kurz darauf wurde das Manuskript von Şıks damaligem neuen Buch Die Armee des Imams beschlagnahmt – mit Imam ist Fethullah Gülen gemeint. In dem Buch beschreibt Şık, wie die Bewegung von Gülen, die er und andere mit der Struktur von Opus Dei vergleichen, mutmaßlich die Sicherheitsbehörden der Türkei unterwandert.  

Der Name Ahmet Şık ist in der Türkei einer von wenigen, die unzertrennlich mit der harten Kritik an der Gülen-Bewegung verbunden sind – und der damit verbundenen harten Kritik an der zeitweisen Nähe zwischen der AKP-Regierung und Gülen. Kaum jemand zweifelt daran, dass der Journalist von der damals Gülen-nahen Justiz hinter Gitter gebracht wurde. Premierminister Erdoğan, damals noch mit Gülen verbündet, sagte dazu: "Es gibt Bücher, die sind gefährlicher als Bomben." Und nun soll Şık ausgerechnet für diese Organisation Propaganda gemacht haben?

Damals wurde den beiden Journalisten vorgeworfen, Mitglieder der Terrororganisation Ergenekon gewesen zu sein, einem Netzwerk, das Anfang der 2000er angeblich den Sturz der Regierung des damaligen Premiers und heutigen Staatspräsidenten Tayyip Erdoğan plante. Unter großer nationaler und internationaler Beachtung und zunächst auch Anerkennung wurde ein gleichnamiger Mammutprozess gegen Hunderte Militärs, Anwälte, Politiker und Wissenschaftler in Gang gesetzt.

Absurde Vorwürfe

Doch der Prozess endete im Fiasko – nicht zuletzt, weil auch viele geschätzte Personen wie Şık und Şener als Ergenekon-Unterstützer inhaftiert wurden, die zuvor über das Netzwerk und die Gülen-Bewegung recherchiert und vor beiden gewarnt hatten. Dass gerade ihm und Leuten wie ihm vorgeworfen wurde, Ergenekon zu unterstützen, war absurd. Genauso wie es heute absurd ist, dass er Propaganda für die Gülen-Bewegung gemacht haben soll.

Viele Verurteilte aus dem Ergenekon-Verfahren mussten später rehabilitiert werden. Die Öffentlichkeit hatte am Ende kaum eine Chance, zwischen tatsächlichen Tätern und zu Unrecht Beschuldigten zu unterscheiden – zumal die Staatsanwälte und Richter, die den Prozess führten, nun als Gülen-Anhänger gelten und teilweise ins Ausland geflüchtet sind. Als Şık und sein Kollege nach mehr als einem Jahr ohne Anklage wieder freigelassen wurde, sagte er noch am Ausgang des Gefängnisses: "Diese Leute werden eines Tages in Gefängnis gehen, und dann wird es Gerechtigkeit in diesem Land geben." 

Propaganda für Terrororganisationen? Im Gegenteil. In unseren letzten Gesprächen äußerte Şık tiefe Sorge darüber, dass eine Art Bürgerkrieg in Land ausbrechen könnte, besonders, seitdem die Atmosphäre seit dem Putschversuch im Land zum Bersten gespannt ist. Er sah darin eine reale Gefahr für die Türkei. Zu viele Waffen seien im Land, sagte er, und die Extremen jeder politischen Gruppierung besäßen welche. Er zweifelte nicht daran, dass sie sie auch einsetzen würden. Der Journalist machte sich sehr große Sorgen.