Die Erklärung klang fast fürsorglich: Das zunächst nicht identifizierte Objekt sei vermutlich eine US-Drohne, die man hätte kontrollieren müssen, um Probleme für die Seefahrt zu verhindern, berichtete am Samstag die staatlich-chinesische Zeitung Global Times. Mit dem Statement wurde eine offensichtlich dreiste Aktion beschrieben: Laut Angaben des US-Verteidigungsministeriums hat ein chinesisches Boot etwa 50 Seemeilen (93 Kilometer) vor der philippinischen Subic-Bucht eine US-amerikanische Forschungssonde aus dem Wasser geholt und mitgenommen.

Nach Darstellung des Pentagon sollte die Sonde gerade zusammen mit einer zweiten Drohne vom Forschungsschiff USNS Bowditch der US-Marine eingeholt werden, als 500 Meter entfernt ein chinesisches Kriegsschiff ein Beiboot zu Wasser ließ und eine der Sonden einfing. Die Drohnen würden routinemäßig Informationen über Wassertemperatur, Salzgehalt und Sichtweite messen, teilte das Pentagon mit. Die Werte sind für die amerikanische U-Bootflotte wichtig, Temperatur und Salzgehalt des Meeres beeinflussen die Verbreitung von Schallwellen unter Wasser. Die Sonde ist drei Meter lang und rund 60 Zentimeter breit, ihr Wert soll bei etwa 150.000 Dollar liegen.

"Sie gehört uns. Sie ist ganz klar als unser Eigentum markiert. Wir wollen sie zurück, und wir wollen nicht, dass so etwas noch mal passiert", hatte ein Pentagon-Sprecher gesagt. China reagierte schließlich und kündigte an, die Drohne zurückgeben zu wollen. Zugleich warf es den USA in einer schriftlichen Erklärung eine "unangebrachte Dramatisierung" des Vorfalles vor.

Ein abgestimmter Zwischenfall?

Doch was ist der Hintergrund des Vorfalls? Nicht auszuschließen ist, dass am Freitag ein überambitionierter chinesischer Offizier am Werk war, der die von der Kommunistischen Partei gerade nationalistisch befeuerte Stimmung im Land übertrieben ausgelegt hat. Wahrscheinlicher aber ist, dass die Aktion mit zentralen Stellen in Partei und Militär in Peking abgestimmt war – die Aneignung von US-Eigentum in einer geostrategisch wichtigen Region wie dem Südchinesischen Meer ist politisch brisant.

Auslöser könnte die politische Kommunikation des gewählten US-Präsidenten Donald Trump sein, der den Diebstahl gerade einen "beispiellosen Akt" nannte. Trump hatte Anfang Dezember mit Taiwans Staatschefin Tsai Ing-wen telefoniert und damit die sogenannte Ein-China-Politik in Frage gestellt. Wenig später stellte er das in einen Zusammenhang damit, dass Peking bei seiner Handels-, Währungs- und Außenpolitik Zugeständnisse machen solle. Das Telefonat benutzte er also als Signal in Richtung Volksrepublik.

Dieser diplomatische Zug könnte China dazu animiert haben, selbst einen Schritt weiter zu gehen als gewohnt. Trump ist noch nicht mal im Amt, und doch hat seine politische Kommunikation bereits konkrete Auswirkungen. Hinsichtlich China und Südostasien erscheint die Politik des Trump-Teams eher erratisch und unbedacht. 

China will der Hegemon sein

China beansprucht rund 90 Prozent des Seegebietes für sich. Es hat künstliche Inseln in den Gewässern aufgeschüttet, Landebahnen auf ihnen gebaut und damit begonnen, die Inseln mit militärischer Ausrüstung zu bestücken. Durch das Meer führt eine der meistgenutzten Handelsrouten der Welt, auch andere Anrainerstaaten wie die Philippinen und Vietnam beanspruchen dort Gebiete für sich.

Die US-Marine patrouilliert regelmäßig in der Nähe der künstlichen Inseln, um der Forderung nach freiem Schiffsverkehr Nachdruck zu verleihen. China sieht darin eine Provokation, die das Risiko eines militärischen Zusammenstoßes erhöhe. Auch jetzt teilte das chinesische Verteidigungsministerium mit, die USA würden die Volksrepublik "militärisch aus nächster Nähe" erkunden. In Peking will man die bislang in der Region als Hegemon auftretende US-Marine vertreiben und selbst zur ersten Macht werden. Dafür hat man seine Ansprüche auf das Südchinesische Meer mittels einer sogenannten Neun-Punkte-Linie festgelegt.

Diese eigenmächtige Grenze lässt die Aktion von Freitag noch pikanter erscheinen, denn die US-Drohne wurde von den Chinesen außerhalb dieser Linie gekapert. Genauer: Innerhalb der sogenannten "Ausschließlichen Wirtschaftszone der Philippinen", die nach dem UN-Seerechtsabkommen festgelegt ist.