UN-Generalsekretär Ban Ki Moon ist beunruhigt über die sich verschlimmernde Lage in Aleppo. Es gebe Berichte von Gräueltaten gegen Zivilisten, darunter auch Frauen und Kinder, sagte er laut einer Mitteilung. Zwar könnten die Vereinten Nationen die Berichte über solche Taten nicht unabhängig überprüfen, doch habe Ban den Konfliktparteien seine "ernste Sorge" übermittelt, sagte ein UN-Sprecher.

Die Hilfsorganisation Weißhelme, die jeden Tag im Kriegsgebiet aktiv ist um Leben zu retten, berichtete auf Twitter von nach Hilfe schreienden Kindern – doch die Helfer können aufgrund der heftigen Bombardements nichts tun.  

Auch in den sozialen Netzwerken flehten Bewohner der verbliebenen Stadtviertel um Hilfe: "Dies ist unser letztes SOS", schrieb einer. Menschen seien unter Trümmern gefangen, ohne dass ihnen geholfen werden könne. Auch auf Periscope meldeten sich verzweifelte Bewohner der Rebellengebiete zu Wort: "Ich glaube nicht länger an die internationale Gemeinschaft", sagte einer.

Das Rote Kreuz in Syrien veröffentlichte Bilder aus provisorischen Notunterkünften in Aleppo. Darauf sind Hunderte Menschen zu sehen, die sich mit Planen und Decken notdürftige Schlafstätten gebaut haben. Viele Menschen stünden unter Schock, hieß es. Sie hätten sich teilweise tagelang versteckt gehalten, ohne Tageslicht oder Elektrizität. Die humanitäre Lage in der Stadt sei katastrophal, es gebe kaum noch Medikamente.

Ban forderte, dass vor allem die syrische Armee mit ihren Verbündeten Zivilisten schützen müsste. Er habe den UN-Sonderbeauftragten für den Konflikt in Syrien, Staffan de Mistura, gebeten, dringend mit allen Beteiligten darüber zu sprechen.

Am Vortag hatte es bereits Berichte von Kriegsbeobachtern über einen mutmaßlichen Giftgaseinsatz nahe der Stadt Palmyra gegeben. In dem Gebiet habe es auch heftigen Beschuss aus der Luft gegeben, gab die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte bekannt. Es habe Fälle von Erstickung gegeben. Insgesamt seien mindestens 53 Menschen getötet worden, darunter 28 Kinder. Sowohl Russland als auch die syrische Armee hatten wiederholt den Einsatz von Chemiewaffen bestritten.

Einfluss auf drei Prozent geschrumpft

Die seit Jahren umkämpfte Großstadt Aleppo steht kurz vor der vollständigen Eroberung durch die syrische Armee, die durch russische Luftangriffe unterstützt wird. Die Mitte November gestartete Offensive auf die Rebellenviertel im Osten der Stadt gehe "in die Endphase", hatte ein syrischer Armeevertreter am Montag gesagt. "Der Kampf um Aleppo hat sein Ende erreicht", sagte auch der Direktor der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel Rahman. Er sprach von einem "vollständigen Zusammenbruch" bei den Rebellen. Die Rebellen kontrollieren laut Rahman nur noch etwa drei Prozent ihres bisherigen Einflussgebietes.

Bei den Kämpfen sind nach Angaben der Beobachter mindestens 60 Menschen getötet worden. Darunter seien auch zahlreiche Zivilisten, berichtete die Beobachtungsstelle in der Nacht. Zuletzt waren nach Angaben der Vereinten Nationen rund 40.000 Menschen aus dem Ostteil Aleppos geflohen.

Die syrische Armee ist nach Angaben eines Militärvertreters kurz davor, ihren Sieg im Kampf um die vollständige Eroberung Aleppos zu erklären. "Wir befinden uns im finalen Moment vor dem Sieg der syrischen Armee im Kampf um Ost-Aleppo", sagte der Armeeangehörige der Nachrichtenagentur Reuters. Der Sieg könne jeden Moment erklärt werden.

Angesichts der dramatischen Lage in der Stadt hat Papst Franziskus Syriens Machthaber Baschar al-Assad in einem Brief aufgefordert, Zivilisten vor Gewalt zu schützen und einen sicheren Weg für Hilfsgüter zu garantieren. Die Kampfhandlungen müssten endlich beendet werden. 

Aleppo gilt als die am heftigsten umkämpfte Stadt im syrischen Bürgerkrieg. Sie war lange Zeit zwischen dem Regime im Westen und verschiedenen Rebellengruppen im Osten geteilt. Vor rund fünf Monaten begann die syrische Armee mit der Belagerung der Rebellengebiete. Seitdem waren diese so gut wie von der Außenwelt abgeschnitten. Die Rückeroberung der gesamten Stadt könnte einen Wendepunkt in dem Bürgerkrieg darstellen.