Der syrische Präsident Baschar al-Assad und seine Truppen haben die vollständige Kontrolle über Aleppo erlangt. Die letzten Kämpfer der Opposition sowie Zivilisten verließen am Donnerstagabend die vormaligen Rebellengebiete im Osten der Stadt, wie die staatliche Nachrichtenagentur Sana und die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldeten.

Assad nannte die Einnahme einen "Meilenstein auf dem Weg zur Auslöschung des Terrorismus". Das syrische Regime bezeichnet jeden als Terroristen, der gegen es kämpft. Syrien teile sich den Sieg mit seinen Verbündeten Russland und Iran, sagte Assad. Die Eroberung Aleppos bereite den Weg für ein Ende des Bürgerkriegs. 

Die Eroberung Aleppos könnte tatsächlich einen Wendepunkt im Bürgerkrieg bedeuten. Die frühere Handelsmetropole war lange Zeit umkämpft und gilt als symbolische und strategisch wichtige Stadt.

Das Militär habe Sicherheit und Stabilität in Aleppo wiederhergestellt, hieß es in einer vom Staatsfernsehen verbreiteten Erklärung. Im Fernsehen waren zudem die letzten Evakuierungsbusse zu sehen, die Rebellen und Zivilisten aus der Stadt gebracht hatten. In Übertragungen aus West-Aleppo waren Freudenschüsse zu hören. Menschen riefen "Aleppo, Aleppo!" und "Nur Gott, Syrien und Baschar!" Umringt von Feiernden mit syrischen Flaggen sagte ein Korrespondent des Staatsfernsehens: "Kein Osten und Westen mehr".

Aleppo war bis vor Kurzem geteilt. Die Rebellen hatten den Ostteil der Stadt kontrolliert, die Regierung den Westen. Für die Aufständischen ist der Verlust der Stadt eine schwere Niederlage. Das Datum des Falls Aleppos "werden wir nie vergessen und niemals vergeben", schrieb der Aktivist Ahmed al-Chatib auf Twitter. Die Welt solle bezeugen, wie Assad Menschen getötet und vertrieben und Aleppo zerstört habe.

Evakuierungen hatten bis zuletzt immer wieder gestockt

Weil die Regierungstruppen vor Monaten einen Belagerungsring um Ost-Aleppo gezogen und Versorgungswege blockiert hatten, war es trotz zahlreicher Appelle der internationalen Staatengemeinschaft an die syrische Regierung und Russland zu einer humanitären Katastrophe gekommen. Bomben von russischen Kampfjets unterstützten die syrischen Truppen. Der Zugang zu Trinkwasser, Medikamenten und Strom, die Nahrungsmittel wurde dramatisch knapp, Krankenhäuser waren überfüllt und wurden bombardiert, die UN befürchteten einen "gigantischen Friedhof". Bevor Assad zusammen mit Russland Mitte November eine Großoffensive auf Ost-Aleppo startete, lebten dort nach Schätzungen der Vereinten Nationen 250.000 bis 300.000 Menschen.

Nach heftigen Kämpfen mit zahlreichen Toten und Verletzten stimmten die Rebellen schließlich zu, ihre Stellungen in Aleppo zu räumen. Die Evakuierungen von Soldaten und Zivilisten begannen vergangene Woche, wurden aber immer wieder unterbrochen. Tausende Menschen harrten bei Minusgraden und Schneefall ohne etwas zu essen auf den Straßen aus, während sie auf die Busse warteten, die sie in Sicherheit bringen würden.

Regierung und Rebellen hatten sich auf ein Abkommen geeinigt. Im Gegenzug dafür, dass die Regierung die Evakuierungsbusse nach Ost-Aleppo fahren ließ, verpflichteten sich die Rebellen, zwei von ihnen belagerte Orte zu evakuieren. Dabei handelt es sich um die Schiitendörfer Al-Fua und Kefraja in der Provinz Idlib. Weil Bewaffnete einige der für die Evakuierung vorgesehenen Busse in Brand gesetzt hatten, verzögerten sich die Rettungsaktionen sowohl in Idlib als auch in Aleppo.

Der Bürgerkrieg ist nicht zu Ende

Die Vereinten Nationen forderten, dass eine weitere Schlacht vom Ausmaß wie in Aleppo unbedingt verhindert werden müsse. Am Mittwoch hatte die UN-Vollversammlung beschlossen, mögliche Kriegsverbrechen zu untersuchen. Zudem schickten die UN 31 Beobachter nach Aleppo.

Derweil geht der syrische Bürgerkrieg weiter. Nur etwa 50 Kilometer nordöstlich von Aleppo lieferten sich türkische Regierungstruppen und verbündete Rebellen in Al-Bab heftige Gefechte mit der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Im Internet verbreitete sich ein mutmaßlich vom IS veröffentlichtes Video, in dem zu sehen ist, wie Terroristen zwei türkische Soldaten bei lebendigem Leib verbrennen.

In der Vergangenheit waren mehrere internationale Konferenzen daran gescheitert, anhaltende Waffenruhen in Syrien und effiziente humanitäre Hilfen zu organisieren. Trotzdem soll es auch in Zukunft Friedensgespräche geben, um eine politische Lösung des Konflikts zu erzielen. Der UN-Sondergesandte für Syrien, Staffan de Mistura, plant Friedensverhandlungen ab dem 8. Februar in Genf.

Zusätzlich haben Russland, Türkei und Iran eine eigene Initiative gestartet. Nach russischen Angaben werden diese Gespräche voraussichtlich Anfang nächsten Jahres in Kasachstan beginnen. Die Länder würden sich darauf konzentrieren, wie ein landesweiter Waffenstillstand in Syrien erreicht werden könne.

Russland teilte mit, dass die Gespräche mit der Türkei und dem Iran kein Ersatz für andere Verhandlungen sein sollen. Die USA teilten mit, dass sie nicht brüskiert darüber seien, dass sie der Gesprächsrunde nicht angehörten. Das sei zudem kein Zeichen für einen sinkenden Einfluss in der Region.