Lediglich die Sitzordnung im Trump Tower hat am Mittwochnachmittag das angespannte Verhältnis zwischen beiden Seiten angedeutet. Zwar waren fast alle großen Namen der Technologiebranche dem Ruf des künftigen Präsidenten in den Trump Tower in Manhattan gefolgt. Doch die Konzernchefs aus dem Westen, darunter Amazon-Gründer Jeff Bezos, Google-Chef Larry Page und Tim Cook von Apple, schienen am glänzenden Steintisch den gebotenen Sicherheitsabstand zu halten. Donald Trump selbst saß eingerahmt von seinem künftigen Vizepräsident Mike Pence und Peter Thiel, dem Großinvestor aus dem Valley, der Trump schon früh in dessen Wahlkampf unterstützt hatte und das Treffen zwischen Trump und den Technologiebossen angeschoben hatte. Doch schon vor dem Treffen hatten US-Medien berichtet, Thiel habe offenbar Schwierigkeiten, die Kollegen zur Anreise zu bewegen.

Schließlich hatten sich die Lenker der Technologiebranche im Wahlkampf auf die Seite von Hillary Clinton geschlagen. Nicht nur spendeten sie Millionen für den Wahlkampf der Demokratin – das Verhältnis betrug am Ende 22:1. Auch in ganzseitigen Anzeigen und offenen Briefen warnten viele von ihnen vor einer Präsidentschaft Trumps.

Die Konzerne fürchten sich vor strengeren Visabestimmungen, die es ihnen erschweren könnten, neue Talente zu rekrutieren. Gleichzeitig sorgt viele, dass in einem Trump-Amerika Innovation ausgebremst werden könnte, da sich der Republikaner auf die alten Stärken der Nation besinnen möchte. Ganz aus dem Nichts kommen diese Befürchtungen nicht. Immer wieder hatte Trump die Firmen und ihre Chefs direkt angegriffen, etwa weil sie Milliardengewinne im Ausland parken oder ihre Produkte im Osten Asiens statt in Kalifornien oder Detroit herstellen.

Angst vor der schwarzen Liste Trumps

Doch mit der Wahl scheint ihnen die Lust auf Konfrontation vergangen zu sein. Anders als etwa die Bürgermeister von New York und San Francisco schwiegen die Entscheider aus dem Silicon Valley seit der Wahl am 8. November auffällig, wenn es darum ging, sich öffentlich für die Grundwerte einer liberalen Gesellschaft stark zu machen. Stattdessen verzogen sie sich in die Eckbüros ihrer Spielwiesen und schreckten vor zu viel Verantwortung zurück.

Facebook und Google reagierten nur zögerlich auf Vorwürfe, mit ihren Algorithmen Falschmeldungen ein Forum gegeben und so Trump zum Wahlsieg verholfen zu haben. Die Annahme, sein Netzwerk habe Einfluss auf den Ausgang gehabt, bezeichnete Mark Zuckerberg gar als "albern". Die Angst, auf der schwarzen Liste des Präsidenten zu landen, schien bei vielen plötzlich größer als die Überzeugungen, die sonst gerne zum Kern der eigenen Marke stilisiert werden.

Dabei gibt es für die Unternehmen einiges, um das sie gerade kämpfen müssten, nicht nur weil sie eben Teil jene Küstenelite im Land sind, die Trump unter dem Jubel seiner Anhänger im Wahlkampf wieder und wieder zum Sündenbock für so ziemlich alles erklärt hatte. Wo das Silicon Valley für Offenheit steht, setzt Trump auf Einschränkung: sei es bei der Einwanderung oder dem Freihandel. Während Trump die Investitionen in erneuerbare Energien zugunsten fossiler Brennstoffe zurückfahren will, setzen Google, Apple und Tesla mehr und mehr auf Strom aus Solarquellen. Und das Kernprinzip der Netzneutralität könnte unter einem Präsident Trump ins Wanken geraten.

Darüber hinaus macht Trump immer wieder deutlich, im Zweifel auch gegen die Privatsphäre von Nutzern zu entscheiden: Als Apple sich im vergangenen Jahr weigerte, dem FBI bei dem Zugriff auf das iPhone eines Terrorverdächtigen zu helfen, forderte Trump einen Boykott des Konzerns. Die Kluft zwischen Donald Trump und der Technologiegemeinde sei in etwa so groß wie die zwischen dem neuesten Smartphone und einem Commodore 64, fasste es das Magazin The Atlantic zusammen.

Trumps Druck über Twitter wirkt

Trotzdem scheinen sie vor der Macht des New Yorkers zurückzuschrecken. Dass der künftige Präsident bereit ist, ganz direkt Druck auf einzelne Firmen auszuüben, die seiner Vorstellung von "Make America Great Again" nicht entsprechen, demonstrierte Trump in den vergangenen Wochen gleich mehrmals. Zuerst drängte er Carrier, einen Hersteller von Klima- und Heizanlagen in Indianapolis, mit einem Steuergeschenk und ein paar leeren Drohungen dazu, weniger Jobs als geplant nach Mexiko zu verlagern.

Dann beschwerte sich Trump über die hohen Kosten einer geplanten neuen Präsidentenmaschine und sorgte damit für fallende Kurse bei dem Flugzeughersteller Boeing. Zuletzt attackierte Trump per Twitter den US-Rüstungskonzern Lockheed Martin und bezeichnete die Kosten für Verträge mit dem Verteidigungsministerium als "völlig außer Kontrolle".

Beim Treffen in New York zeigte sich Trump dann allerdings handzahm. Erst lobte er die Firmen vor laufenden Kameras – die nur in den ersten Minuten des Treffens zugelassen waren – für ihre "unglaubliche Innovationskraft", dann versprach er, alles tun zu wollen, um der Branche zu helfen. "Rufen Sie mich an, wann immer Sie etwas brauchen", bot der künftige Präsident an und regte ein regelmäßiges Gipfeltreffen zwischen dem Weißen Haus und dem Silicon Valley an. Brisante Themen sparte Trump dagegen weitgehend aus, lieber konzentrierte er sich auf Wirtschaftswachstum, Arbeitsplätze und Ausbildung, die kleinsten gemeinsamen Nenner. Beide Seiten hätten sich besser kennengelernt, hieß es im Anschluss von Trumps künftigem Wirtschaftsminister Wilbur Ross knapp.

Netter Smalltalk anstatt deutlicher Worte

Doch so wenig Offizielles nach dem Treffen mangels Stellungnahmen und fehlender Medienbeteiligung bekannt wurde: Klar war, dass die Bosse aus dem Silicon Valley die Chance haben verstreichen lassen, ihre Macht und ihren Einfluss zu nutzen, um dem künftigen Präsidenten deutlich zu machen, dass sie unter allen Umständen für die Werte einer liberalen Gesellschaft einstehen werden, mit denen sich alle Konzerne für Marketingzwecke sonst nur zu gerne schmücken: für Offenheit und Integration, für den Kampf gegen den Klimawandel, gegen Verschwörungstheorien und für die Fakten. Stattdessen gab es nur wohltemperierten Smalltalk.

Die Anwesenden hätten vermutlich schon vor dem Treffen Angst vor den anschließenden Beleidigungen und Attacken auf Twitter gehabt, spekulierte das Branchenmagazin Recode. Der Mikroblogging-Dienst war im Wahlkampf wichtigstes Sprachrohr des künftigen Präsidenten, immer wieder hatte er in Tweets gegen seine Kritiker geschossen und auch seit seiner Wahl twittert Trump weiter gegen alles und jeden. Am Mittwoch allerdings durfte ausgerechnet die Firma aus San Francisco nicht dabei sein. Twitter sei schlicht "zu klein", so die offizielle Begründung.