In Donald Trumps Welt ist die Lage einfach: "Wenn Sie hacken und man sie nicht auf frischer Tat erwischt, dann wird man sie nicht erwischen", sagte der kommende US-Präsident in einem Interview mit dem Sender Fox News am Sonntag. Dass diese Leute in Russland sitzen und, möglicherweise im Auftrag des Kremls, massiven Einfluss auf die Wahl Anfang November genommen haben – er glaubt es einfach nicht, und damit ist die Sache für ihn erledigt. "Irgendjemand, der irgendwo im Bett liegt", so stellt sich Trump den oder die Hacker vor, deren erbeutete E-Mails aus demokratischen Parteikreisen per WikiLeaks seiner Gegnerin Hillary Clinton gehörig geschadet haben.

Alles Unsinn, bloß eine weitere Entschuldigung für "eine der größten Wahlniederlagen in der Geschichte" – Trump hat jeden Grund, das Thema in der üblichen aggressiven Art vom Tisch zu wischen.

Bereits im Oktober, also vor der Wahl, waren die US-Geheimdienste mit einem ungewöhnlich deutlichen Statement an die Öffentlichkeit gegangen: Sie seien sich sicher, dass die russische Regierung hinter den E-Mail-Diebstählen stehe und damit die Wahl beeinflussen wollte.

Jetzt berichteten New York Times und Washington Post, dass die Hacker offenbar nicht nur die Server der Demokratischen Partei, sondern auch die der Republikaner angezapft haben – jedoch die Daten der Republikaner nicht publik machten. Inzwischen gehen die Geheimdienste demnach mit noch einmal erhöhter Überzeugung davon aus, dass Russland nicht nur Clinton schaden und die amerikanische Demokratie beschädigen wollte: Das Ziel sei gewesen, Trump zum Sieg zu verhelfen.

Fragwürdige Zurückhaltung

Wenn die Beweise am Ende halten, was die bislang verbreiteten Einschätzungen nahelegen, ist das sicher keine große Überraschung. Russland hat versucht, die USA zu schwächen – natürlich, wenn man sie lässt. Das eigentlich Erstaunliche ist: Die Angriffe oder deren Verortung sind keine plötzlichen Entwicklungen nach der Wahl. Sie waren seit Monaten bekannt, und die Obama-Regierung entschied offenbar, ausführliche Erkenntnisse zunächst nicht öffentlich zu machen.

Ja, das hätte wohl leicht als politisches Manöver ausgelegt werden können, diese Angst ist verständlich. Aber fragwürdig ist die Zurückhaltung allemal. Das ist umso mehr der Fall, nachdem die Geheimdienste nicht nur das Weiße Haus informierten, sondern bereits im September auch führende Mitglieder des Kongresses und dessen relevante Ausschüsse aus beiden Parteien unterrichtet wurden.

Noch-Präsident Barack Obama hat inzwischen eine umfassende Aufarbeitung angeordnet, die er bis zum Ende seiner Amtszeit vorliegen haben will. Einige demokratische und republikanische Senatoren fordern nun gemeinsam eine Kongressuntersuchung. Beides hätte längst geschehen können, doch Obama wollte ohne Unterstützung aus beiden Parteien nicht aggressiver handeln. Diejenigen, wiederum in beiden Parteien wie auch in der Regierung, die härter gegen die russischen Aktivitäten vorgehen wollten, konnten sich nicht durchsetzen.

Smarter als die Geheimdienste

So wenig Details bislang auch nachvollziehbar bekannt sind, allein die deutlichen Urteile der Geheimdienste und die Schwere der möglichen Beeinflussung hätten eine schnellere und transparente Reaktion gerechtfertigt. Jetzt, nach der Wahl, wird sich vielleicht noch belegen lassen, was passiert ist, aber eher unwahrscheinlich, ob es wirklich den Ausschlag gegeben hat für Trumps Sieg.

Regierung und Abgeordnete haben die Chance verpasst, einem weitreichenden Angriff auf das politische System der USA entschieden zu begegnen, solange das noch möglich war. Die Geheimdienste haben ihre Arbeit gemacht, und natürlich muss die Politik mit deren Informationen kritisch bis skeptisch umgehen, sie allerdings auch ernst nehmen. Sonst ist der Unterschied zu Trump nicht mehr besonders groß, der in diesen Tagen damit prahlt, auch ohne tägliche Briefings smart genug zu sein. Und dem es nach allem, was mittlerweile an Vertrauen in die Institutionen verloren gegangen ist, viel zu leicht fällt, solche Sätze zu sagen: "Das sind dieselben Leute, die gesagt haben, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen hatte."

Trump wird als Präsident die Geheimdienste sicher nicht abschaffen, aber er dürfte weniger an Faktenbeschaffung interessiert sein als an einem willfährigen Instrument zur Unterstützung seiner Agenda. Wer die allerdings bestimmt, angesichts der vielfältigen Verbindungen seines entstehenden Regierungsteams nach Russland, bleibt eine berechtigte Frage. Die weiteren Untersuchungen zu den Hacks werden nun sicher nicht mehr verhindern, dass Trump sein Amt auch antritt. Sie sind trotzdem von drängender Relevanz. Die amerikanischen Bürger müssen wissen, mit wem sie es zu tun haben. Und in Deutschland wird 2017 auch gewählt.