Vierzig Jahre China-Diplomatie in zehn Minuten versenkt: Donald Trump hat vergangene Woche mit seinem Taiwan-Telefonat erstmals Realpolitik betrieben, obwohl er noch nicht einmal als Präsident vereidigt ist. Das von seinem Team offenbar länger zuvor schon arrangierte Gespräch war ein Affront gegen die Regierung in Peking. Damit nicht genug, legte Trump auch gleich noch mal schriftlich nach, indem er Regierungschefin Tsai Ing-wen in einem Tweet "president of Taiwan" nannte.

Für die Volksrepublik China bleibt Taiwan bloß eine abtrünnige Provinz. Seit Jahrzehnten bleut die kommunistische Propaganda ihren Landsleuten ein, dass Taiwan nichts Eigenständiges, sondern Teil der VR China sei. Die USA pflegen seit den 1970er Jahren die Beziehungen zu Peking auf der Basis der von Henry Kissinger ausgestalteten Ein-China-Politik. Washington hat dafür die diplomatischen Beziehungen mit Taiwan aufgekündigt, unterstützt die sich selbst verwaltende Insel aber militärisch.

Trumps Taiwan-Volte kam dabei gar nicht mal nicht so überraschend, wie sie wirkte. Bislang haben der kommende Präsident und seine Politikberater im Fall Chinas all das mehr oder weniger weitergeführt, was sie auch vor der Wahl gesagt oder geschrieben hatten. Im Wahlkampfprogramm der Trump-Republikaner hieß es beispielsweise unter dem aussagekräftigen Kapiteltitel "U.S. Leadership in the Asian Pacific", dass Taiwan ein treuer Freund sei und starke Unterstützung verdiene.

Trumps Taiwan-Lobby

Peking dagegen kommt im Programm ziemlich schlecht weg, genauso wie in Trumps Tweet nach dem Telefonat mit Tsai Ing-wen. Er kritisierte China, weil es seine Währung abwerte und einen "massiven Militärkomplex" im Südchinesischen Meer errichtet. Wobei sich Letzteres tatsächlich gerade zu einem massiven Problem entwickelt. 

Am auffälligsten unter Trumps Top-Asienberatern ist Peter Navarro von der University of California-Irvine, der seit jeher sehr kritisch gegenüber der Politik Pekings ist. In einem kurz vor der Wahl veröffentlichten Artikel in der Zeitschrift Foreign Policy skizzierte er zusammen mit Alexander Gray die Asienpolitik einer Trump-Regierung – und sprach sich für eine starke Präsenz der USA im Westpazifik und für die militärische Aufrüstung Taiwans aus.

Zudem gilt der designierte Stabschef des Weißen Hauses, Reince Priebus, als ein Freund Taiwans. Ein Bekannter von Priebus mit Verbindungen zu Trumps Übergangsteam ist Stephen Yates, vormaliger Sicherheitsberater von Ex-Vizepräsident Dick Cheney, der zu den Vermittlern des Trump-Tsai-Telefonats zählt. Hieran soll auch Taiwan-Lobbyist Bob Dole beteiligt gewesen sein, der ehemalige Präsidentschaftskandidat der Republikaner.

Bei aller Aufregung um den diplomatischen Affront gegenüber Peking geht ein wenig unter, dass Taiwan seit Ende der 1980er Jahre zu einem Musterstaat geworden ist. Es ist eine Demokratie, die Gesellschaft ist liberal, an die Spitze des Landes wurde eine Frau gewählt. Und die Volksrepublik? Die politische Führung ist ein reiner Männerverein und sie ist definitiv nicht liberal und nicht demokratisch.

Taiwans Führung klagt zudem über diplomatische Sticheleien der Regierung Chinas. Zuletzt soll Peking die Teilnahme Taiwans am Treffen der UN-Luftsicherheitsbehörde ICAO verhindert haben.