Donald Trump hält wenig von Diplomatie und politischer Tradition: Nach seiner angeblichen Lobeshymne auf den pakistanischen Präsidenten und das pakistanische Volk hat er jetzt als erster (angehender) US-Präsident seit 1979 mit dem Staatsoberhaupt Taiwans telefoniert – und damit den Zorn Chinas riskiert, das Taiwans Unabhängigkeitsbestrebungen nicht akzeptiert. China legte daraufhin offiziell Protest bei den USA ein.

"Es muss darauf hingewiesen werden, dass es nur ein China auf der Welt gibt und Taiwan ein untrennbarer Teil des chinesischen Hoheitsgebietes ist", teilte ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums, Geng Shuang, mit. "Die Regierung der Volksrepublik China ist die einzige rechtmäßige Regierung, die  China repräsentiert", fügte er hinzu. Das werde von der internationalen Gemeinschaft im Allgemeinen auch anerkannt. Die Taiwan-Frage müsse vorsichtig behandelt werden, um unnötige Störungen der Beziehungen zwischen den USA und China zu verhindern.

Zuvor hatte China den Anruf heruntergespielt. Der chinesische Außenminister Wang Yi hatte demonstrativ gelassen auf das Gespräch reagiert. "Das ist ein kleiner Vorstoß der taiwanesischen Seite", sagte Wang laut dem Hongkonger Sender Phoenix Cable TV bei einem außenpolitischen Seminar. "Ich glaube nicht, dass das etwas ändert an der Ein-China-Politik, die die US-Regierung seit vielen Jahren unterstützt." Diese sei die Basis für die gute Entwicklung der Beziehungen zwischen Peking und Washington. "Wir hoffen, dass dieses politische Fundament nicht erschüttert oder gefährdet wird", wurde Wang zitiert.

Trump betont enge Beziehungen zu Taiwan

In seinem Telefonat mit Tsai Ing-wen betonte Trump nach Angaben seines Teams "die engen Beziehungen zwischen den USA und Taiwan im Bereich von Wirtschaft, Politik und Sicherheit". Tsai, die seit Mai im Amt ist, und Trump sollen sich gegenseitig zum Wahlsieg gratuliert haben. Die Stellungnahme ließ offen, ob die USA in ihrer Taiwan-Politik vor einem historischen Schwenk stehen.

In einer am frühen Samstag veröffentlichten taiwanischen Erklärung hieß es, Trump und Tsai hätten unter anderem Ideen über die wirtschaftliche Entwicklung sowie die nationale Verteidigung Taiwans ausgetauscht. Taiwans Präsidentin Tsai ließ über ihr Büro erklären, sie habe bei Trump dafür geworben, dass er ihrem Land international mehr Einflussmöglichkeiten sichert.

Das Weiße Haus distanzierte sich umgehend vom Vorgehen des designierten Präsidenten. "Es gibt keine Änderung an unserer seit Langem geltenden Politik", sagte die Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrates, Emily Horne. "Wir sind streng unserer Ein-China-Politik verpflichtet."

Aus Rücksicht auf die Beziehungen zu China hatten die USA ihre diplomatischen Beziehungen zu Taiwan vor 37 Jahren abgebrochen und die Volksrepublik als einzige Regierung anerkannt. Inoffiziell unterhielt die US-Regierung aber weiter freundschaftliche Kontakte zu Taiwan. Zudem hatte sie Taiwan militärische Unterstützung zugesichert, falls es sich verteidigen müsste. Der Status Taiwans war schon in den vergangenen Jahren einer der empfindlichsten Punkte innerhalb der Beziehungen zwischen den USA und China.

Deutschland erkennt Taiwan nicht an

Wegen des Drucks aus der Volksrepublik trauen sich nur wenige Länder, Taiwan als souveränen Staat anzuerkennen. Auch Deutschland vertritt seine Interessen in Taipeh nur durch ein Deutsches Institut.

Seit Ende des Bürgerkrieges in China 1949 ist Taiwan ein Konfliktherd in Asien. Damals flüchteten die Truppen der chinesischen Kuomintang auf die Insel, die heute offiziell Republik China heißt und sich als eigenständig funktionierende Demokratie sieht. Die Kommunisten in Peking unterstreichen ihre Drohung einer Rückeroberung bis heute durch Hunderte Raketen, die auf die "abtrünnige Provinz" zielen, wo heute 23 Millionen Menschen leben. Gleichwohl ist China Taiwans größter Handelspartner und die Insel einer der größten Investoren in der Volksrepublik.

Mit der Wahl der chinakritischen Präsidentin haben sich die Spannungen zusätzlich verschärft.

Trump: "Sie hat MICH ANGERUFEN"

Trotz Chinas dezenter Reaktion vermutete der chinesische Gelehrte Shi Yinhong, dass Trumps Politik in Peking mit Stirnrunzeln gesehen wird. "In den Augen der chinesischen Anführer wachsen die Bedenken über die China-Politik der USA an", sagte Shi, der an der Renmin-Universität in Peking lehrt und als einer der angesehensten chinesischen Wissenschaftler im Bereich der internationalen Beziehungen gilt. Das Telefonat mit Trump könnte Tsai ermutigen, dem Druck aus Peking zu widerstehen, sagte er.

Trump nutzte nach dem Telefonat und der Berichterstattung darüber wie so oft den Kurznachrichtendienst Twitter, um seine Sicht der Dinge zu erläutern. "Die Präsidentin Taiwans hat heute MICH ANGERUFEN, um mir zur gewonnenen Präsidentschaft zu gratulieren. Danke schön!", schrieb er dort. Und kurz darauf: "Interessant, wie die USA Taiwan Militärausrüstung im Milliardenwert verkaufen, ich aber keinen Glückwunschanruf annehmen soll."

Einem taiwanesischen Medienbericht zufolge hatte sein Team die Brisanz des Telefonats vorab durchaus erkannt. Trump habe dem von seinem "taiwanfreundlichen Wahlkampfteam" arrangierten Gespräch dennoch zugestimmt, schrieb die Zeitung Taipei Times. Seine Berater hätten ihn zuvor über Taiwan und Probleme in der Region informiert. Auch Trumps enge Vertraute Kellyanne Conway sagte dem Sender CNN, er sei sich der Implikationen des Gesprächs vollauf bewusst gewesen. Bereits im Wahlkampf hatten Mitarbeiter des Trump-Teams für US-Waffenlieferungen an Taiwan plädiert, um Chinas militärischem Machtzuwachs zu begegnen.

Trumps Berater deuteten an, dass er gegenüber China eine härtere Linie vertreten will als sein Vorgänger Barack Obama. Unter anderem wolle er als Reaktion auf das Erstarken der Volksrepublik die US-Streitkräfte ausbauen. Zudem hatte er im Wahlkampf betont, US-Jobs aus China zurückzuholen.

Trump wünscht Duterte Erfolg

In einem Telefonat mit dem philippinischen Staatschef Rodrigo Duterte lud Trump ihn ins Weiße Haus ein. Dutertes erklärtes Ziel ist es, drei Millionen Drogenabhängige und Dealer zu töten – nach dem Vorbild des Holocaust. Bei seinem Vorgehen soll Trump ihm viel Erfolg gewünscht haben, teilte Duterte hinterher mit. 

In einem von Berater Bong Go veröffentlichten Video ist zu sehen, wie Duterte lächelnd mit Trump telefoniert. Das gesamte Gespräch ist in der Aufnahme aber nicht zu sehen. Das Lager des künftigen US-Präsidenten äußerte sich zunächst nicht dazu. Ein Berater Dutertes sagte, die beiden hätten sich am Telefon sieben Minuten lang "angenehm und lebhaft" unterhalten.

Präsident Duterte ist seit dem 1. Juli im Amt. Seitdem sind Hunderte mutmaßliche Drogenabhängige und Dealer bei außergerichtlichen Tötungen gestorben. Das Vorgehen wurde international scharf kritisiert. Der autoritär regierende Duterte hatte die USA vor der Präsidentenwahl wiederholt kritisiert und mehrfach angekündigt, sein Land von dem einst engsten Verbündeten zu "trennen". Den scheidenden US-Präsidenten Barack Obama beschimpfte er als "Hurensohn", als dieser ihn für die Ermordung mehrerer Tausend Drogenabhängiger und Dealer kritisierte.