Wahrscheinlich kommt es nach dem gescheiterten Verfassungsreferendum und dem Rücktritt von Ministerpräsident Matteo Renzi in Italien auf kurz oder lang zu Neuwahlen. Es kann passieren, dass dann die Radikalen siegen, die unberechenbare Fünf-Sterne-Bewegung und die nationalistische Lega Nord. Es ist nicht einmal ausgeschlossen, dass die Italiener eines Tages aus dem Euro aussteigen, vielleicht kehren sie irgendwann sogar der Europäischen Union den Rücken. Im Rückblick müsste man dann vielleicht feststellen, das gestrige Referendum sei der Anfang vom Ende gewesen.

Natürlich kann es immer noch schlimmer kommen, als man denkt. Nur: Zwangsläufig ist das nicht. Das ist, trotz der italienischen Ungewissheiten, die wichtigste Nachricht des gestrigen Europawahltages. Es ist das Beispiel, das der künftige österreichische Präsident Alexander Van der Bellen gegeben hat.

Der österreichische Bundespräsident verfügt nicht über viel mehr Kompetenzen als der deutsche. Das Amt hat vor allem repräsentative Funktion. Trotzdem war die Stichwahl, die wiederholt werden musste, politisch maximal aufgeladen, weit über die Grenzen Österreichs hinaus. Denn wäre es anders gekommen und der FPÖ-Mann Norbert Hofer hätte statt Van der Bellen gewonnen, wäre zum ersten Mal der Vertreter einer autoritären, rechtsnationalen und fremdenfeindlichen Partei an die Spitze eines westeuropäischen Staates getreten. Man stelle sich die Schlagzeilen des heutigen Tages vor!

Die Mehrheit der Österreicher hat sich zum Glück anders entschieden. Und manches spricht dafür, dass sich die Waage am Ende auch deshalb zugunsten Van der Bellens geneigt hat, weil der frühere Grünen-Chef in einem Punkt stets kristallklar und offensiv argumentiert hat: für ein weltoffenes Österreich innerhalb der Europäischen Union. Und das auch nach seinem Wahlsieg wiederholte

65 Prozent der Van-der-Bellen-Wähler gaben an, sie hätten ihm vor allem deshalb ihre Stimme gegeben. Die proeuropäische Ausrichtung des Kandidaten war nach Angaben der Wahlforscher der zweitwichtigste Grund für die Entscheidung. Dass umgekehrt Nigel Farage, einer der führenden Köpfe der Brexit-Kampagne, noch am Freitag für Hofer und für einen Austritt Österreichs aus der EU geworben hatte, gilt selbst innerhalb der FPÖ als Bärendienst. Das britische Beispiel wirkt eher abschreckend; in den meisten Mitgliedsländern ist die Zustimmung zur EU seit dem Brexit-Votum gestiegen. Wahlsieger Van der Bellen wollte die österreichische Entscheidung daher ausdrücklich "als ein Signal an die Hauptstädte der EU" verstanden wissen: Man könne Wahlen sehr wohl mit prononciert proeuropäischen Positionen gewinnen.

Ganz anders dagegen verlief der Wahlkampf in Italien. Nicht nur Populisten und Rechtsradikale hatten für eine Ablehnung der Verfassungsreform geworben. Auch der frühere Ministerpräsident und noch frühere EU-Kommissar Mario Monti, ganz sicher kein Populist und schon gar kein Europaskeptiker, warb öffentlich für ein Nein. Nun trägt auch er Verantwortung dafür, dass Italien wieder wackelt, wirtschaftlich wie politisch, was sich auch auf die EU auswirken wird.