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Ich weise die Anschuldigungen zurück, die gegen mich erhoben wurden. Gegenstand der Ermittlungen sind meine beruflichen Aktivitäten, in anderen Worten: Journalismus. Es gibt den Versuch, die Berichte und Interviews, die ich in der Vergangenheit verfasst habe, als Straftaten darzustellen. Meine Posts in den sozialen Medien sind in die Ermittlungsakten mit aufgenommen worden, um die Anschuldigungen zu bestärken. Wir haben etwas Ähnliches wie jetzt schon mal erlebt, in einer Verschwörung vor fünf Jahren. Damals war den beiden Komplizen, die sich die Macht teilten (die Gülen-Bewegung und die regierende AKP), noch ein anderes Wort dienlich: Ergenekon. Jeder Gegner, der ins Visier geriet, egal, wer es auch sein mochte, wurde als Ergenekon-Mitglied abgestempelt und ins Gefängnis geworfen. Als die beiden Komplizien, die Gülen-Bewegung und die AKP, in eine Phase des Kampfes miteinander eintraten um die Macht im Staat, dessen Kontrolle sie übernommen hatten, steigerte sich das bis zum Putschversuch am 15. Juli und dessen blutigen Folgen. Der Putschversuch war nicht erfolgreich. Wäre es erfolgreich gewesen, wäre eben das geschehen, was jetzt geschieht. Wir können die aktuelle Situation zusammenfassen, indem wir sagen: "Der Putsch wurde verhindert, aber eine Junta ist an die Macht gekommen." Da dies der Fall ist, ist nun der neue nützliche Begriff: FETÖ. (Abfällige Bezeichnung der AKP und ihrer Anhänger für alle, die sie als Terroristen und vermeintliche Anhänger des Predigers Gülen sehen, Anm. d. Red.) Die Partei an der Macht, die bis vor Kurzem noch ein Auge zugedrückt hat, wenn es um die Verbrechen ihres Komplizen ging, die diesen unterstützt und mit ihrer politischen Macht gedeckt hat, ebenso wie die Medienkasper, die deren Tyrannei zu rechtfertigen versuchten und aus Angst den Namen der Gülen-Sekte nicht verwendeten: Sie haben nun begonnen, die Gülen-Bewegung als "FETÖ" zu bezeichnen. Es ist klar, dass die Hauptverantwortliche für die Verwandlung der Gülen-Bewegung in FETÖ die AKP ist. Der Erste, der hier und heute vor Gericht gestellt werden sollte, ist der Präsident der Republik, Recep Tayyip Erdoğan, der gesagt hat: "Was ist es, das ihr wollt und wir Euch noch nicht gegeben haben?" Und: "Auch ich habe ihnen sehr geholfen, möge Gott und meine Nation mir vergeben." Ob die Nation ihm vergibt oder nicht, ist Sache der Nation. Ob Gott ihm seine Sünden vergibt oder nicht, ist keine weltliche Angelegenheit. Jedoch ist es die Pflicht einer Justiz, die behauptet, unabhängig, unparteiisch und gerecht zu sein, gegen denjenigen ermitteln zu lassen, der seine Straftat gesteht.

Es ist die Verantwortung der Justiz, die regierende Partei und ihre Führer vor Gericht zu bringen, weil sie ihre Macht mit dieser Konter-Guerilla-Truppe geteilt hat, und es ist ihre Verantwortung, die Verbrechen dieser sakralisierten Mafiaorganisation zu verfolgen, die Religion als Mittel zum Zweck genutzt hat.

Niemand hat das Recht, Journalisten für ihre Arbeit strafrechtlich zu verfolgen. Ich habe 27 Jahre als Journalist gearbeitet. Seit dem ersten Tag meiner professionellen Laufbahn und bis heute habe ich mich bemüht, die Wahrheit zu finden. Denn ich glaube daran, dass die Menschen das Recht haben, die Wahrheit zu erfahren, und dass es die Pflicht eines Journalisten ist, die Wahrheit, die ihm anvertraut wurde, jenen zugänglich zu machen, denen sie gehört – ohne Verzerrung und ohne das Vertrauen, das in ihn gesetzt wird, zu enttäuschen.

Wenn ich also die Wahrheit verzerrt habe, ist es nicht Aufgabe der Gerichte, meine professionelle Arbeit zu hinterfragen, sondern Aufgabe der Leser, Zuschauer, in anderen Worten: des Volkes selbst. Bis zum heutigen Tag war ich nie an irgendeine Partei, Organisation oder sonstige Struktur gebunden, ob sie als legal oder illegal angesehen wird. Während meines gesamten professionellen Lebens habe ich mich bemüht, durch meinen Journalismus alle und jeden Machthaber zu stören, egal welcher politischen Ausrichtung. Ich habe das so gut getan, wie ich konnte. Kurz: Ich habe es durch meine journalistische Arbeit geschafft, der Buhmann jeder einzelnen politischen Periode zu sein.  Für mich ist das eine Ehrenauszeichnung. Aus dieser Perspektive haben sie sogar recht, ich bin Teil einer Organisation, ihr Name ist: Wahrheit. Ja, es gibt tatsächlich eine Macht, auf die ich mich verlasse, und das ist die Macht der Menschen selbst, von denen ich glaube, dass sie die Wahrheit erfahren sollten. In der jüngsten Vergangenheit haben wir dieses tragisch-komische Schauspiel verfolgt, das nun aufgeführt wird. Dann wurden auch meine professionellen Aktivitäten Gegenstand von Ermittlungen. Ich wurde von Teilen der Gang der Gülen-Bewegung ins Visier genommen, die die Polizei und die Justiz unterwandert hatten. Hinter den Polizisten, Anklägern und Richtern dieser Gang und ihrer Unterstützer, die Posten in den Medien hatten, stand die regierende Partei. Ich meine die AKP, die die Verbrechen rückhaltlos unterstützt hat.

Ihre Handlanger in den Medien zeigten auf das Ziel, die Polizei dachte sich dann eine Geschichte aus, ihre Ankläger erließen den Haftbefehl, und ihre Richter stahlen uns dann unsere Freiheit. Die Regierung, die der politische Repräsentant dieser Organisation war, die Minister und Abgeordneten, sie haben sich immer in jene Lüge geflüchtet, die in allen Diktaturen zu finden ist: "Das sind keine Journalisten, das sind Terroristen." Heute wird ein ganz ähnliches Szenario aufgeführt, aber ich will die Tatsache betonen, dass es gut wäre, sich an Folgendes zu erinnern: Die meisten Handlanger, die auf mich gezielt haben, die Polizisten, die sich die Geschichte ausdachten, die Ankläger, die mich einsperren ließen, und die Mitglieder der Gerichte, die so taten, als würden sie über mich urteilen, sind nun selbst inhaftiert. Und jene, bei denen früher ein Auge zugedrückt wurde, werden nun als flüchtige Verdächtige gesucht. Die Lehre aus all dem ist Folgendes: Niemand kann ewig an der Macht bleiben. Sie lässt sich von keiner Hand festhalten. Sie wird nicht in den Händen derjenigen bleiben, deren Augen durch Arroganz erblindet sind, und auch nicht in den Händen derer, die, trunken vor Macht, alle Arten von Unrechtmäßigkeiten begehen. Das ist es, was ich am Tor des Gefängnisses am 12. März 2012 gesagt habe, die Nacht, in der ich entlassen wurde: "Aus all dieser Unterdrückung und Tyrannei wird ein neues Leben erstehen, das jene, die an der Macht sind, fürchten, aber von dem wir träumen, und für das wir weiter kämpfen sollen." Heute wiederhole ich diese Worte.