Dass Obama seine Abschiedsrede nicht im Weißen Haus, sondern weit entfernt in seiner Wahlheimat Chicago hielt, war wohl genauso wichtig wie das, was er zu sagen hatte. Hier am Lake Michigan hatte er 2008 und 2012 seine Siegesreden gehalten, hier hatte seine politische Karriere als junger Senator mit Kurs auf die Hauptstadt begonnen, von hier aus hatte er seine Botschaft von "hope" and "change" ins ganze Land getragen und war so als erster schwarzer Präsident ins Oval Office eingezogen. Jetzt sollte Chicago zum symbolischen Abschluss seiner achtjährigen Präsidentschaft werden.

Barack Obama - "Es war die Ehre meines Lebens" Barack Obama hat seine letzte Rede als US-Präsident gehalten und dankte seiner Familie und seinem Vizepräsidenten. An die Amerikaner hatte er eine letzte Bitte. © Foto: Pablo Martinez Monsivais / AP Photo

Stundenlang hatten die Menschen in der Kälte gestanden, um eines der Tickets zu bekommen, wenig später waren sie vergeben und wurden im Internet für 5.000 Dollar angeboten. Während die Abschlussreden seiner Vorgänger in der Regel Pflichtübungen mit 200 geladenen Gästen waren, sprach Obama vor rund 20.000 Menschen im ausverkauften McCormick Place, der größten Konferenzhalle Nordamerikas. Es schien, als setzten am Abend in Chicago beide Seiten ihre Hoffnungen auf das letzte große Zusammentreffen.

Ein letztes Mal das Land einen

Obama nutzte die Rede nicht nur, um Bilanz zu ziehen, sondern vor allem, um als Vorgänger von Donald Trump noch einmal den Ton für die nächsten Jahre zu setzen: Die Rede des 55-jährigen Verfassungsrechtlers wurde zur Grundsatzverteidigung der demokratischen Idee und des amerikanischen Traums, ganz bewusst gelöst von einzelnen Personen und Parteien. "Wir werden als ein Volk stehen oder fallen", sagte Obama und appellierte an die Solidarität der Amerikaner. Über Ideen könne gestritten werden, aber am Ende dürfe das Land die gemeinsamen Ziele nicht aus den Augen verlieren. Politiker und Wähler müssten zusammenarbeiten.

Obama bemühte sich, das tief gespaltene Land in einem letzten rhetorischen Kraftakt zusammenzubringen und einen Weg aus der politischen und gesellschaftlichen Sackgasse zu weisen. Es reiche nicht, sich nur mit jenen zu umgeben, die die eigenen Meinungen bestätigten, und Ideen, die herausfordern, als unwahr abzutun. "Wir können unterschiedliche Ziele haben, aber ohne eine gemeinsame Grundlage und den Willen, neue Informationen zu berücksichtigen, werden wir weiter aneinander vorbeireden."

Immer wieder schien es, als richteten sich die Worte Obamas direkt an seinen Nachfolger und dessen Unterstützer. Wirtschaft, sagte der Präsident, sei kein Nullsummenspiel, in dem die Interessen der weißen Arbeiterschicht gegen die der Einwanderer ausgespielt würden, in dem in die eigenen Kinder, nicht aber in die der Neuankömmlinge investiert werde. Wenn das Land nicht Chancen für alle schaffe, werde die Kluft in der Gesellschaft größer.

Appell an die eigenen Leute

Seit Wochen hatte Obama am Inhalt gefeilt, die eigenen Formulierungen an seinen Chefredenschreiber geschickt und dessen Änderungen eingebaut. Mindestens vier Entwürfe habe es gegeben, berichteten US-Medien im Vorfeld, bis zur letzten Minute hatte der Präsident Änderungen eingebaut. Die Rede war der Höhepunkt einer monatelangen Abschlusstournee, in der Obama die Bilanz seiner Präsidentschaft in ausführlichen Interviews in den größten Magazinen und Fernsehstationen des Landes noch einmal mit Statistiken untermauerte: mehr Jobs und mehr Krankenversicherte, weniger Gewalt und weniger Truppen im Ausland, die Gleichstellung der gleichgeschlechtlichen Ehe und die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen mit Kuba.

Auch am Dienstagabend zählte Obama die Erfolge der letzten acht Jahre auf, doch sie dienten ihm vor allem als Zeugnis dafür, dass Fortschritt und Wandel möglich seien, wenn das Volk dafür kämpfe. "Ihr habt das geschafft", sagte der Präsident. Der Aufruf zum politischen Engagement, der sich durch die gesamte Rede zog, war auch ein wenig versteckter Aufruf an die seit Wochen unter Schockstarre stehenden Unterstützer und die eigenen Parteigenossen, für ihre Ideale und die Verteidigung ihrer Werte unter einem Präsidenten Trump zu kämpfen. "Ich bitte euch, an eure Fähigkeit zu glauben, Wandel herbeiführen zu können", sagte Obama.

Die größte Enttäuschung seiner Amtszeit

Der Präsident weiß, dass die bevorstehende Kehrtwende in Washington sein Erbe ins Wanken bringt. Hillary Clinton hatte die Geschichte im Sinne Obamas und der demokratischen Ideale fortschreiben sollen, doch der Präsident und seine Kandidatin konnten dem Volk in den entscheidenden Regionen des Landes die Logik dieser Übergabe nie vermitteln. Stattdessen steht Amerika vor einer Ära des politischen "repeal and replace", vor einer Zeit also, in der die Konservativen im Oval Office und auf dem Kapitol in Washington die Obama-Ära ungeschehen machen wollen.

Die Vision, die Obama am Abend von einem offenen und toleranten Amerika zeichnete, hat mit der politischen Realität in Washington und dem Grundgefühl in weiten Teilen des Landes derzeit nur wenig zu tun. Es ist dies vielleicht die größte Enttäuschung seiner Amtszeit, auch für den Präsidenten selbst. Fortschritt, sagte Obama in Chicago, komme eben schrittweise, "und manchmal machen wir einen Schritt zurück". Nur das "Yes we can" zum Abschluss erinnerte kurz an die Aufbruchstimmung von vor acht Jahren.