Er glaubt an das Ende der industriellen Arbeit und das Ende des Wachstums: Mit Benoît Hamon haben die Anhänger der sozialistischen Partei in Frankreich am Sonntag einen radikalen Politiker zu ihrem Präsidentschaftskandidaten gewählt. Offenbar konnte es ihnen nach fünf Jahren Hollande-Regierung gar nicht links genug sein. Der 49-Jährige gewann mit knapp 59 Prozent der Stimmen klar gegen den Ex-Premierminister Manuel Valls – ein konservativer Pragmatiker, mit dem Hamon nur wenig gemeinsam hat.

Von den traditionellen Ideen der Sozialisten wendet Hamon sich ab. Kürzere Arbeitszeiten für alle und eine Ökonomie, die nicht jedes Jahr mehr wachsen muss, sind seine Mantren. Sein Ziel hat er klar definiert: "Wir wollen ein Frankreich entwickeln, in dem die Menschen gerne arbeiten und gerne Kinder kriegen – wir sind die neue Linke." Hamon ist ein alter Parteisoldat mit neuen Ideen: Für sein Programm bezieht er sich auf so experimentierfreudige Soziologen wie den Amerikaner Jeremy Rifkin, der den Beginn einer neuen, arbeitsarmen Zeit beschwört.

Ziemlich experimentierfreudig sind in diesem Jahr offenbar auch die französischen Parteianhänger: Sie wählen immer denjenigen, der die Identität ihrer Partei besonders radikal vertritt. So benannten die Republikaner den erzkonservativen François Fillon zu ihrem Kandidaten, und so schaffte es der noch vor wenigen Monaten als aussichtslos geltende Benoît Hamon, mit einem besonders gewagten linken Programm die Menschen zu begeistern.

Seitdem Fillon eine Affäre um eine möglicherweise fiktive Arbeit seiner Frau als parlamentarische Mitarbeiterin am Hals hat, sind die Chancen der Sozialisten wieder gestiegen. Auch wenn sie bislang hinter dem rechtsextremen Front National, dem parteiunabhängigen Emmanuel Macron und dem Linken Jean-Luc Mélenchon liegen. Die gewachsene Wahlbeteiligung macht den Sozialisten Hoffnung, dass Hamon diesen Trend noch umkehren kann.

"Wir sind ein starkes Land"

Das Erstaunliche an Hamon ist, dass er Wahlkampf mit antirassistischen Sprüchen macht – zurzeit eigentlich kein Thema, mit dem Politiker zu punkten versuchen. "Wenn mich Rassisten und Faschisten verhöhnen, dann ist das ein Kompliment", sagt er etwa. Viele sehen Hamons Konfrontation mit einem jungen Politiker des Front National in einer Fernsehshow im Dezember als Geburtsstunde seines Aufstiegs: Als sein Kontrahent wie erwartet Angst vor Flüchtlingen schürte, drehte Hamon den Spieß einfach um: "Sie haben ein schwaches Bild von Frankreich", hielt er ihm entgegen. "Wir sind ein starkes Land, das viel mehr Migranten als die bisherigen 0,12 Prozent unserer Bevölkerung aufnehmen kann."

Hamon soll sich vor seinem Fernsehauftritt drei Tage lang eingeschlossen und gebüffelt haben. Am Ende hatte er nicht nur den FN-Politiker sprachlos zurückgelassen, sondern auch einen Vertreter der chemischen Industrie. Hamon warf ihm vor, Studien über die Gefahr von Weichmachern zu beschönigen.

Rassismus aber ist für Hamon nicht ein Thema von vielen, sondern das Motivierende in seiner Karriere. Als Sohn von Arbeitern ging er einige Jahre im senegalesischen Dakar zur Schule, gemeinsam mit arabischen, schwarzen und weißen Schülern. Zurück in der Bretagne war er entsetzt über den Einfluss des Front National auf seine Mitschüler – und trat in die sozialistische Partei ein.

Die Revanche des linken Parteiflügels

Ein Außenseiter oder ein neues Gesicht in der Partei ist Hamon also bei weitem nicht: Zuerst lebte er in einer Wohngemeinschaft mit fünf anderen Jungsozialisten. Anschließend wurde er Mitarbeiter im Parlament, später Parteisprecher und Bildungsminister unter François Hollande. Bislang war seine linke Strömung bei den Sozialisten aber in der Minderheit.

Hamons größtes Projekt ist das Grundeinkommen, das allen französischen Bürgerinnen und Bürgern 750 Euro pro Monat garantieren soll. In den ersten Jahren soll es für alle 18- bis 25-jährigen Menschen ausgezahlt werden und rund 40 Milliarden Euro kosten. Hamon argumentiert, französischen Firmen sei dieselbe Summe an Steuern erlassen worden, sie hätten dabei aber nur einige zehntausend Stellen geschaffen – mehrere Studien belegen das. Mit dem Grundeinkommen könnten indes alle eine Arbeit wählen, die sie erfüllt.

"Die digitale Revolution wird alles verändern: Wir können mehr produzieren, in kürzerer Zeit. Deshalb müssen wir unsere Arbeitsdauer verringern", sagt Hamon. Der gelernte Historiker möchte Firmen steuerlich fördern, deren Angestellte nur noch 32 Stunden pro Woche arbeiten.

Mit Hamons Wahl hat der linke Flügel der Sozialisten seine Revanche erhalten. Hamon trat wie viele andere Minister aus François Hollandes Regierung zurück, als dieser anfing, Unternehmenssteuern zu senken und die Rechte von Angestellten und Arbeitern einzuschränken. Sein überraschender Aufstieg hat Hamon dabei vielleicht ebenso überrollt wie seine Parteikollegen: Sie erzählen, Hamon habe zunächst selbst nicht an seine Chance geglaubt – und daher unbefangen ein radikales Programm vorgelegt.