Eines muss ich Donald Trump lassen: Er verblüfft immer noch. Jeden Morgen frage ich mich, was hat er wohl heute Nacht wieder getan hat, da auf der anderen Seite des Atlantik. Wer auch immer geglaubt hat, dass dieser Mann, einmal im Amt, langsam das Tempo drosseln und zu einem normalen Präsidenten werden würde, hat sich gründlich geirrt. Nein, er macht einfach weiter wie bisher, legt sogar noch Tempo zu. Polarisiert, polemisiert und – handelt.

Und genau das ist seine wohl gefährlichste Waffe.

Denn in Zeiten, in denen Regierungen sich weltweit oft genug wortreich erklären, warum sie etwas NICHT tun können oder jedenfalls nicht sofort, und warum sie keine einfachen Lösungen für die vielen komplizierten Probleme haben, straft Trump sie scheinbar Lügen. Er setzt um, was er vor der Wahl versprochen hat, er handelt mehr und schneller als alle US-Präsidenten vor ihm und gegen vielerlei Widerstände. Von wegen, man könne Grenzen nicht schließen und Syrer nicht aus dem Land halten. Handelspolitik nicht verändern, Verträge nicht kündigen, Konzernbossen nicht die Stirn bieten. Trump tut all das – und bekommt auch noch den Applaus der Börse.

Das Versprechen einfacher Lösungen

Um bitte nicht falsch verstanden zu werden, sei eines klargestellt: Ich bin kein Trump-Fan und halte die meisten seiner bisherigen Aktionen für Unsinn oder Irrsinn. Ich bin überzeugt, dass seine Politik langfristig auf Kosten der Armen und der Schwachen geht, auch im Rest der Welt. Auch bin ich überzeugt, dass sie früher oder später scheitern wird: weil auch er nicht alle Gesetze der Ökonomie außer Kraft setzen kann, nur weil er das will, und eine radikale Abschottung von anderen Märkten auch der amerikanischen Wirtschaft schaden würde. Weil er das Land, wenn er seine Ankündigungen wahr macht, in die Verschuldung treiben wird. Weil er den Klimawandel nicht dadurch stoppen wird, dass er ihn ignoriert. Und weil er die Krisenherde der Welt nicht dadurch ersticken kann, dass er einfach seine Grenzen für deren Opfer schließt. Irgendwann werden all die globalen Probleme, viel schlimmer als zuvor, auch in den USA zu spüren sein. Und dann hilft die Mauer nach Mexiko nichts mehr.

Trotzdem fürchte ich, dass sein Modell für eine Weile Schule machen könnte (hat es das mit Putin, Orbán, Erdoğan nicht längst?). Dass allerorten echte Kerle ihre Wähler mit einer Mischung aus Nationalismus, Machismus und einfachen Lösungen gewinnen – und dem Versprechen, nur für sie Politik zu machen. Gern auf Kosten der anderen. Gern unter Missachtung internationaler Regeln. Und gern mithilfe eines tiefen Griffes in die Staatskasse. Denn das alles kann – zumindest ökonomisch – ja sogar eine Weile lang gut gehen. Staatlich finanzierte Aufschwünge hat es in der Geschichte, in den USA unter dem amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt oder auch in Deutschland unter Hitler, immer wieder gegeben. Kommen sie im richtigen Moment, können sie manchen Wähler eine ganze Weile vergessen lassen, was sonst noch so alles im eigenen Land passiert. Solange die Wirtschaft nur brummt.

Bietet uns Alternativen

Damit aber stellt sich in den kommenden Monaten die Frage noch dringlicher, wie die gemäßigten Parteien und Politiker am besten auf Populisten reagieren sollen. Denn auch in vielen europäischen Länder ist ja bei allen Unterschieden ein Phänomen zu beobachten: Für eine wachsende Zahl an Wählern scheinen die Demokratien keine wirklichen politischen Alternativen mehr zu bieten, wirken die etablierten Institutionen festgefahren und scheint ein wirklicher Wandel nur noch durch radikale Alternativen denkbar. Und genau das lässt zu viel Raum für Männer wie Trump und ihr süßes Gift des Aktionismus. Denn neben ihnen wirken alle traditionellen Parteien alt.

Deswegen wünsche ich mir zumindest in Deutschland für die kommenden Monate von den traditionellen Parteien eines: Bietet uns Alternativen. Macht die Unterschiede klar! Und erklärt nicht wortreich, was alles nicht geht – wegen der Globalisierung, der EU oder der Finanzmärkte. Sondern was sich verändern lässt. Um beispielsweise dem Gefühl vieler Bürger, abgehängt zu sein, zu begegnen.

Und erinnert uns ab und zu auch daran, dass Europa nicht Amerika ist. Und dass hier vieles vergleichsweise gut funktioniert. Auch wenn das nicht so aufregend ist.

Ich wache morgens aber ganz gern mal auf, ohne von der Politik überrascht zu werden.